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Alt 28.10.2000, 00:35  
ffchen
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Registriert seit: 10/2000
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Hi, Claudia!
Es wundert mich nicht, dass du immer weniger verstehst. Das geht mir seit einem halben Jahr so. Ich hab ja anfangs nicht die ganze Geschichte gekannt und war daher eigentlich recht zuversichtlich, dass wir ganz gut zusammen passen könnten. Dass da so viel nachkam, konnte ich erst nicht absehen und habe dann den Absprung nicht geschafft.
Zwei Gedanken sind mir aufgefallen. Zum einen die Sache mit der Unterscheidung von Privatleben und Beruf. Ich kenne durchaus Leute, die beruflich recht erfolgreich sind und im Privatleben nichts auf die Reihe kriegen. Vermutlich liegt das daran, dass die Entscheidungen im Beruf kalkulierbarer sind. Die Folgen sind besser absehbar und die Dinge, um die es geht, berühren nicht so die Substanz. Sowie aber Gefühle ins Spiel kommen, wird alles unsicherer und die Entscheidungen fallen schwerer. Dass dieser Mann jedoch ein Extremfall ist, steht außer Frage. Allerdings hat er im Moment auch auf diesem Gebiet mangelnde Professionalität bewiesen, als er die Fortbildung, die wir gemeinsam machen wollten, gecancelt hat. Ich musste da nicht wirklich hin. Da er allerdings eine andere Position hat, wäre es seine Pflicht gewesen, auch ohne mich dorthin zu fahren. Ganz abgesehen davon, dass es natürlich in der Firma auffällt, wenn wir beide kurzfristig eine Fortbildung absagen. Oh Mensch, das regt mich so auf! Nachdem ich alle Termine abgesagt hab, hatte der wirklich nichts besseres zu tun, als sich sofort bei der Dame in der Großstadt anzumelden. Mehr noch - ich hab von einer Kollegin gehört, dass er heute auch nicht in der Firma ist, d.h. er ist sogar schon gestern Nachmittag gefahren. Eiskalte Fluchtbewegung, dieser Feigling!
So, nun noch der andere Gedanke, was die Gefühle nach der Ehe anbelangt. Ich denke nicht, dass nur derjenige leidet, der verlassen wird. Oft leiden diejenigen, die gehen ebenso. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass die Schuldgefühle einen da erdrücken können. Allerdings hast du insofern Recht, als dass sie das nur können, wenn man die Entscheidung nicht aus voller Überzeugung getroffen hat. Und das ist hier ja wohl der Fall. Ich denke, dass er bis heute keinen Grund gefunden hat, warum diese Ehe gescheitert ist, zumindest keinen zwingenden - außer der großen Liebe, mit der er ja so glücklich auch nicht ist.
Ich konnte irgendwann auch nur einsehen, dass die Beziehung, die ich beendet hatte, nicht unbedingt zum Scheitern verurteilt war, sondern dass ich sie kaputtgemacht hatte. Nur muss man sich eben eingestehen, dass man Fehler macht und muss dann trotzdem mit diesen Fehlern weiterleben und zwar aufrecht. Ich hab ihm auch gesagt, dass er irgendwann mal damit abschließen muss, um wieder in die Zukunft schauen zu können, aber er meint halt: "Da sind die Kinder. Und das vergisst man nicht. Da kann man keinen Haken dran machen." Sehr verständlich, aber er muss oder er geht weiter kaputt.
Oh Mensch, wenn ich das so lese, fällt mir immer auf, was ich dem schon alles "erklärt" habe. Manchmal denke ich selbst schon, ich bin unerträglich, weil ich einfach immer anderen Menschenkindern ihr Leben erkläre. Furchtbar!
Im Moment bin allerdings ich einfach nur fertig. Eine Stunde total cool und kurze Zeit später liege ich wieder heulend auf dem Sofa. Das einzige was beständig ist, ist die Unbeständigkeit.
Irgendwie hat der es auch geschafft, mich mit diesem Vampir-Verhalten (schönes Bild) so zu verletzen, dass ich ständig Rachegedanken habe, wie ich das von mir sonst gar nicht kenne. Ich hab ohne größere Probleme die Telefonnummer der jungen Dame ausfindig gemacht und muss mich permanent vom Telefon fernhalten, weil ich am liebsten anrufen und ihr die ganze Geschichte erzählen möchte. Tut mir zwar leid für sie, aber sie wird ebenso hintergangen wie ich. Und im Grunde geht es ja auch nur darum, ihm weh zu tun. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie sofort alles hinschmeißen würde, wüsste sie Bescheid. Und ab und an denke ich, es wäre eine Genugtuung, zu sehen, wie für ihn alles zusammenbricht. Sie wäre vermutlich weg und ich sowieso. Er würde mich garantiert hassen und in Ruhe lassen. Man der soll mal die Folgen seines unehrlichen Verhaltens zu spüren bekommen!
Auf der anderen Seite bin ich dann wieder nicht so cool, weil ich denke, dass ich ja auch schuld bin. Wie gesagt - jeder ist für sein Leben selbst verantwortlich und ich habe es zugelassen, dass er so mit mir umgehen konnte, weil ich immer da war. Also kann ich ihm jetzt nicht die gesamte Verantwortung zuschieben, nicht wahr?
Mensch, eigentlich ist diese Rachsucht gar nicht meine Art, Wie hat er es geschafft, mich zu diesen Gedanken zu treiben?
Allerdings muss ich auch gestehen, dass ich dann auch ein bisschen Angst habe, dass er, wenn ich die Geschichte wirklich auffliegen ließe, ganz zusammenbricht. Die einzige Konstante, die es in seinen Aussagen seit einem halben Jahr gibt, ist schließlich "die große Liebe". Egal wie wenig überzeugend das angesichts unserer "Beziehung" zueinander ist, sie scheint der sichere Halt zu sein, was ja auch die überstürzte Abreise erklärt. Wenn dieser Fluchtpunkt wegfiele und ich nicht mehr da bin, dann ist wirklich niemand da. Grundsätzlich täte mir das ja nicht leid, aber da ich das Röllchen Schlaftabletten in seinem Auto kenne, das als "Rettungsanker" mitfährt, hab ich keine Lust, diese Schuld auf mich zu laden, wenn er tatsächlich abdreht.
Hach, ein Scheibenkleister ist das alles!
Es wäre nett, wenn du nochmal deine Gedanken dazu schreibst!
1000 Telegrüße!
Ulli
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