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Alt 06.04.2011, 08:59  
Knoppka
abgemeldet
Es gibt Leute jeden alters und Geschlechts, die über Monate sexuell belästigt, oder auf der Arbeit gemobbt, oder mißhandelt werden, und nie den Mund aufkriegen. Woran könnte das wohl liegen?

Was ich schon geschrieben habe, wer das Fass voll gemacht hat ist piepegal, in der Regel kriegt erstmal derjenige was ab, der's aufmacht, weil alle in Ruhe ihr Leben weiter leben wollen. Und das ist so tief drin, das weiß schon das kleinste Kind. Die Leute machen in der Regel den Mund nicht auf, und die die es tun, bereuen es allzu oft.

Dazu kommt noch die Scham, weil jeder weiß -egal, ob es Mobbing, Prügel auf dem Schulhof, oder sexuelle Gewalt ist, eigentlich weiß, daß er oder sie gefragt werden wird: Was hast DU gemacht, daß das passiert ist, oder daß das weitergehen konnte?

Glaub mir, du kennst, mit oder ohne es zu wissen, mehrere Personen, denen genau das vor Deinen Augen oder in Deiner unmittelbaren Umgebung passiert ist. Scheinbar glaubt keiner daran, daß ihn jemand unterstützen wird. In der Regel nicht ganz zu Unrecht.

Zwei kleine Beispiele aid einer langen Reihe - nicht zum Rumjammern, aber zum Erklären- ich war mit 12 mal draußen unterwegs, spielen, Treffen mit anderen Kindern am Waldrand, und dann nachmittags alleine nach Hause zurück. Auf dem Weg -200 m vom Haus- kommt mir ein besoffener Mittvierziger, optisch Typ Familienvater, entgegen, hält plötzlich meinen Arm fest, ob ich mit ihm nich n bißchen spazieren gehen wollte? He? *grinst* Zieht an mir - Ich hab mich losgerissen und bin gerannt, und als braves kluges Mädchen hab ich das meinem eigentlich ganz kompetenten Vater gesteckt. Einziges einhelliges Kommentar meiner Eltern: "Was läufste auch draußen alleine rum?" sonst nichts. Konsequenzen für mich: Schämen. Konsequenzen für den Besoffenen, der Mädchen im Micki-Maus Pullover abzuschleppen versucht: Keine.

Paar Monate später bin ich mit meiner Sportgruppe, die wegen der Sportart aus zehn Jungs und zwei Mädchen besteht -das andere ist an dem Tag nicht da- nachmittags auf einem Zeltfest des Vereins. Als alle sich ein bißchen verstreut haben, finde ich mich plötzlich von fünf Jungmännern alleine in eine Ecke gedrängt. Einer sagt dauernd, die sind doof, die tun nichts, die anderen lallen rum, ich wär ja süß, ob ich was trinken wollte, ob ich sie mal umarmen wollte, und was nicht alles. Das wohlgemerkt mit mir in der Ecke und denen im halbkreis drumherum. Ich dann irgendwann, "Ey, ihr wisst schon, daß ich zur Kindergruppe gehöre? Ich geh jetzt zu M."
Wohlgemerkt, ich war einfach nur da, in langen Klamotten, und sah auch aus wie 12 - nicht daß das eine Rolle spielen sollte, zwei Jahre später wäre das Benhemen genauso unpassend gewesen, oder wenn ich ein Minikleid getragen hätte, oder was auch immer - aus meiner Sicht.

Was sagt der Gruppenleiter, als ich mit wackelnden Knien vor ihm stehe? "Tja. Idioten." Schulterzucken. Ich kann nicht sagen, daß ich überzeugt bin, er hätte mir geglaubt. Konsequenzen für mich. Schämen. Und überlegen, ob ich in so einem Scheißegal-wenn-dir-jemand-zu-nahe-tritt-Verein richtig bin. Konsequenzen für die Kerle: Keine.

Und so geht das weiter, und weiter, und weiter. Und weißt Du was? Das ist völlig normal! Ich ziehe solche Typen nicht an, und bin ziemlich laut, wenn ich mich bedrängt fühle - deswegen war ich in Cliquen ja auch immer "die Zicke".

Aber irgendwann hat man halt seine Lektion verinnerlicht, wenn es um Belästigung geht - entweder durch eigene Erfahrung oder durchs Zuhören, wenn über andere ähnlich gelagerte Fälle geredet wurde.

Guck dir alleine die zahllosen Appelle an junge Frauen an, wie sie ihr Leben leben sollen, um sich vor sexueller Belästigung und Gewalt zu schützen (wie Kinder), und wo sind im gegensatz Versuche, bei den potentiellen Tätern anzusetzen? Oder bei den Leuten, die mit ihrer komischen Weltsicht dafür sorgen, daß viele -Frauen und Männern- in so einer Situation den Mund nicht aufkriegen? Den meisten erscheint ja schon die Idee lächerlich, das zu versuchen. Warum eigentlich?

Ich soll nicht alleine Joggen, und wenn doch, dabei keine Musik hören, ich soll nicht alleine im Dunkeln nach Hause gehen und keine kurzen Röcke tragen, ich soll dem gestrandeten Kollegen keine Couch anbieten, sonst darf ich mich nicht wundern, ich darf keinen Kumpel bei mir zuhause zum Essen einladen, sonst ist ja klar was der erwartet, ich darf keinen oNS mit nach Hause nehmen, den wer einmal ja gesagt hat darf acht Stunden später nicht mehr nein sagen, ich soll zusehen, wie ich nach der Nachtschicht heimkomme, aber nicht zu Fuß, nicht auf dem Rad, nicht dem Taxifahrer trauen, und überhaupt, und so weiter, und so fort, alles mögliche wird einem eingetrichtert und wieder augetrichtert, sein ganzes stinknormales Mädchenleben lang. Klar denkt man als erstes: Ich muß was falsch gemacht haben, sonst würde daß hier nicht passieren, ich muß mich schon wieder mal schämen.

Das geht aber fast jeder so, und nicht jede ist laut - manchen hat man das so schön abgewöhnt, manchen ist es von Natur aus nicht so gegeben. Und weißt Du, was man irgendwann begriffen hat? Egal, wie viele Leute noch im Raum sind, im Zweifelsfall ist man immer alleine. Und was kann man alleine ausrichten? Die antwort muß jeder selber für sich stellen, aber du kannst das nicht anstelle der Threaderstellerin.

Im übrigen geht einem der Chor irgendwann auf den Geist, es ist einfallslos, einzufallen: Ich verstehe nicht, warum du nicht das und das gemacht hast! Den Chor hat jede Frau, und mancher Mann, schon im Kopf. Auf der Seite, die an die Leute appeliert, die solchen Typen irgendwann mal eingeredet haben, daß sie das dürfen, oder auch nur können, ist es traurigerweise im direkten Umfeld der Beteiligten eher still.

Guck mal, wie viele Leute aufspringen, wenn in der U-Bahn einer was auf die Fresse kriegt. In der Regel: Keiner. Es ist immer interessant zu sehen, wen sowas überrascht. Bei Belästigung und Mobbing ist das relativ normal.

Darum ärgert es mich, daß so oft NUR gefragt wird: wie hat sich das Opfer des Übergriffs verhalten? erklär mal, warum hast du das und das gemacht! Warum nicht das und das! Ist ja klar, daß dann sowas passiert! Ich hätte das und das!

Er ist schließlich derjenige, der die Situation herbeigeführt hat - warum kriegt hinterher das Opfer B-Noten dafür, wie es eine Situation gemeistert und gehandelt hat, die jeden unvorbereitet trifft, und jeden überfordert, egal wie viele Seminare man in seinem Leben dazu besucht hat?
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