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Alt 07.07.2019, 21:44  
Lilly 22
 
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Beiträge: 11.107
Hallo Moensche,

Zitat:
Zitat von Moensche Beitrag anzeigen
Ich habe mir zwei Listen erstellt...

Eine, wo ich sämtliche Eigenschaften gelistet habe, die ein möglicher Partner haben sollte. Und einer für gute Freunde.

Mein Vorsatz ist, die Leute diesbezüglich zu "prüfen", weil ich dazu neige, zuviel durchgehen zu lassen, zu nachsichtig zu sein. Obwohl ein flaues Gefühl im Bauch bleibt.
deine Listen sind vielleicht dazu geeignet, Listenfreunde zu haben, die
dem entsprechen. Nur sagt das am Ende rein gar nichts darüber aus,
ob ihr miteinander funktioniert.

Du stellst damit nämlich lediglich Idealbilder auf und erwartest im Grun-
de dann auch, dass all diese Leute "ideal" sein müssten und gar nicht
sein dürften, wie sie sind. Menschen sind weder ideal, noch haben die-
se nur "gute Seiten". Weder andere, noch du selbst.

Stell dir vor, deine Listen-Freunde hätten eine eigene Liste, wobei sie
an dir nur deine guten Seiten mögen und deine schlechten Seiten ver-
achten, dir das ständig kundtun usw. Wie würdest du dich dabei füh-
len?

Wenn dir eine gesunde Kommunikation untereinander z.B. wichtig ist,
dann ist das etwas, das quasi da drüber steht und wo beide Seite zu
beitragen können müssen. Pflege ich z.B. selbst (aufgrund meiner
Vergangenheit z.B.) destruktive Beziehungsmuster, bin deshalb selbst
eher verschlossen, impulsiv usw. usf., nützt es mir rein gar nichts, ist
da auf der anderen Seite jemand, der all meine "Erwartungen an an-
dere" entspricht und bei dem ich (unbewusst dazu) aber selbst alles
sabotiere, was nur geht, weil ich eben selbst so destruktiv gestrickt
bin.
Klar, jetzt könnte mein Anspruch an mein Gegenüber noch höher sein
und ich erwarte obendrein von diesem, dass er mir ständig und dazu
im ruhigen Ton z.B., jedes Mal ein gesundes Feedback darüber gibt,
falls ich selbst entgleite. Weil es so theoretisch ja die Möglichkeit gä-
be, dass es dann trotzdem zu einer gesunden Kommunikation kom-
men könnte. Aber, ist es wirklich die Aufgabe des anderen, dich hier
zu leiten und zu therapieren? Oder, wie würdest du auf solche Feed-
backs bitteschön reagieren? Pflegst du hier selbst destruktive Muster,
über die du dir nicht einmal selbst bewusst bist, wirst du darauf eher
allergisch reagieren und diese als Angriff werten. Du wirst eher kriti-
siert fühlen usw. usf.

Und genau so gut kannst du dich in z.B. destruktiven Beziehungskon-
strukten wohlfühlen. Z.B., weil dir solche von Kindesbeinen an ver-
traut sind, du einfach nichts Besseres kennst. Da wird dir alles ande-
re, als auch gesündere Konstrukte, erst mal "merkwürdig" erschei-
nen und du wirst dich allein deshalb unwohl dabei fühlen. Eben, weil
dir das so nicht vertraut ist und dein Gehirn in solchen Momenten
eher Alarm schlägt.

Du kannst also einzig selbst daran arbeiten, am Ende das zu bekom-
men, was du wirklich willst. Dazu musst du dir selbst bewusst wer-
den und sein. Um so mehr du dich selbst annehmen und wert schät-
zen kannst, um so mehr wirst du auch andere Menschen in ihrem
Wesen tolerieren können. Dann kann dir auch`ne Freundin gefallen,
die dir in ihrer Aufregung eine Bilderflut an Kleidern zuschickt, weil
du dahinter ihre Unsicherheit erkennst und schmunzelnd an deine
eigenen dabei denkst, die Teil deiner Persönlichkeit sind und die du
an dir längst akzeptiert hast. Dann wirst du bei Bedarf auch freund-
lich, gesunde Grenzen setzen können, ohne den anderen darüber
abzuwerten oder zu verletzen.

Du wirst darüber sogar eher Neues für dich entdecken, was du zu-
vor womöglich abgelehnt hast und nun aber als dich fördend be-
trachten kannst. Das natürlich im positiven Sinn. U.a. eben, weil
vieles davon schlichtweg Selbstakzeptanz bedeutet und du Abwei-
chungen deshalb nicht mehr fürchten musst. Am Ende kommt es
dann gar nicht mehr auf diese konkreten Eigenschaften an, son-
dern eher darauf, dass es im Zusammenspiel eben gesund funk-
tioniert, sich ergänzt bzw. ausgleicht.

Alles, was eher mit Idealisierung im Zusammenhang steht, dient
eher dazu, unter Abwertung anderer, sich irgendwie selbst zu
erhöhen und damit Abgrenzungen zu schaffen. Man hat dabei
nicht den Blick auf sich selbst, sondern sucht die Schuld beim
Gegenüber, um sich so seiner eigenen Defizite nicht bewusst
zu werden.
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