Thema: 'Klimakrise'
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Alt 07.03.2020, 09:21  
Hologramm77
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Es muss nicht einmal die Klimakrise sein ... für mich sind besonders die relativierenden, abwehrenden Kommentare interessant. Sie erzählen mir, welche Denkweisen in den Köpfen stecken, mit welchen Mitteln sie offensichtliche Prozesse ignorieren, Veränderungen keine Relevanz auf ihr Leben und der menschlichen Existenz geben wollen.

Die Klimakrise ist vielleicht zu komplex, als dass es Menschen verstehen können, die nur irgendeinen Platz in der Gesellschaft finden wollen, eine Existenzberechtigung, von Tag zu Tag leben - über Zukunft von sich und anderen aber kaum nachdenken. So gesehen sitze ich wohl im Elfenbeinturm.

Ich habe die Reaktorkatastrophe von Tschernobil mitbekommen. Alle hatten Angst. Da man sich aber nicht vor der atomaren Wolke schützen konnte, haben die meisten aber so weitergelebt wie zuvor. Witzigerweise dauerte es über 30 jahre und dem Vorfall in Fukushima/Japan, bis die Politik - die deutsche Politik - die Abkehr von der Atomenergie beschlossen hatte. Besonders interessant sind die Reaktionen der Bürger: An der Atomenergie festhalten wollen nur Bürger, die nicht an der Lagerstätte von Atommüll wohnen.

Es gab das FCKW-Problem, das die Ozonschicht zerstörte. Auch davor hatten die meisten Angst. Doch auch hier lebten sie weiter als wäre nichts passiert: "Das Ozonloch ist ja über den Polen, also wird es mich ja schon nicht treffen". Und so wurden weiter Haarsprays und sämtliche andere FCKW-Produkte konsumiert, als würde es keine Rolle spielen. Wenigstens hier ist die Politik eingeschritten, da der kleine Bürger das Problem entweder nicht begriffen hatte oder auch nicht seine Lebensgewohnheiten entsprechend verändern konnte oder wollte.

Auch im Kleinen zeigt sich die Natur des Umweltbewusstseins. In manchen Romanen ziehen Angler statt eines kapitalen Karfpens, Hechts oder gar Wels ein altes Fahrrad oder Schuh vom Grund des Gewässers. Worüber man eigentlich schmunzeln könnte hat dann doch eine ganz bittere Note: Wenn man sich fragt, wieviel liegt da eigentlich in den Gewässern mittlerweile drin? (Die Frage stellt sich eine Minderheit der Bürger). Antwort: Viele haben dabei "mitgeholfen", die Gewässer mit allem Mist zu füllen. Mal sind es leichtlebige Jugendliche, die Erdnussbüchsen, Flaschen, Pappschachteln, Würstchenverpackungen und allen anderen, gerade greifbaren Kram in den See schmeißen - soll cool wirken "mir schreibt keiner was vor, was ich mitzunehmen habe". Naja, und über die Jahre kommen viele Jugendliche - wieder und wieder. Dann gibt es auch Angler, die ebenso Kram reinschmeißen. Von Booten und Brücken plumpsen auch ganz verschiedene Dinge hinein. Unter dem Strich müsste eigentlich jedem klar sein, wieviel Müll sich am Gewässergrund über die Jahrzehnte angesammelt hat: Doch soweit reicht die Denke einfach nicht, wenn man nur mal als Ausflug ans oder aufs Wasser geht. Und wenn hier schon das Bewusstsein fehlt, ist natürlich klar, dass auch die Frage nicht existiert, wer den Mist wieder rausholen soll - der ja nicht zum Ökosystem Wasser gehört.

In der Schule haben wir gelernt, dass Plastik in der Natur 80 Jahre zum natürlich Verrotten braucht. Doch was heißt "wir"? Es gab genug Schüler, die "geschlafen", sich für alles andere interessiert haben - und diese einfache Wahrheit ihr Leben lang nicht gelernt, verstanden oder akzeptiert haben. Sie haben auch nicht verstanden, dass ihre Lebensgewohnheiten und Müllproduktion natürlich Auswirkungen auf die Umwelt hat. Doch ihr Leben lang rechtfertigen sie das mit einer kindlichen Denkweise "ich bin ja nur einer, also wirds schon nicht so schlimm sein - die anderen können ja auch anfangen". Und das ist genau die beschränkte Denkweise, sich nicht als Teil der massenhaften Müllpoduktion und Umweltverschmutzung zu begreifen. Das ist die Denkweise, die früher Deponien in Deutschland geschaffen, heute Müll-Containerschiffe nach Afirka (Computerschrott) oder Südostasien fahren lässt.

Um das ganze nicht erkennen zu wollen oder verharmlosen, wird gern mal der Blick aufs Ausland gerichtet. Die Griechen, Italiener, Spanier, Franzosen etc sind viel schlimmer. Und das ist das Argment so weiter zu machen wie bisher.

Dass der Grüne Punkt auch nur eine Gewissensberuhigung ist, dürfte bekannt sein: Stichwort Containerschiffe und ineffiziente Recyclinganlagen.

Wenn man nun alles zusammennimmt, hat der Deutsche nicht nur ein Problem, das Ausmaß seiner persönlichen Umweltverschmutzung zu erkennen, die Auswirkung auf die Allgemeinheit - vor allem in der Ich-Gesellschaft, sondern darüber hinaus überhaupt einen "Anreiz" zur Müllvermeidung zu haben. Wo will er denn Verzicht üben? Silvester? Ne, das ballert ja so schön, machen doch alle. Auslandsflugreisen? "ich bin so arm, man muss sich doch einen Flug ins Ausland leisten können? Ich kann doch nicht noch für Luftverschmutzung zahlen, da kann ich ja gar keinen Urlaub machen."

Unter dem Strich muss man sich gar nicht mir der Klimakrise beschäftigen, mit Fragen der Erderwärmung, Wetterextreme, CO2-Emittenten und -Speichern, den Kreislauf des Kohlenstoffs. Es genügt sich einzugestehen, dass man keine Ahnung von Chemie, Physik, Biologie oder Mathematik hat (zum Teufel sollte man die Finger lassen von Zahlenmaterial und Korrelationen, die man nicht im geringsten versteht).

Es genügt sich einzugestehen, dass der tägliche Joghurtbecher, das Haarspray, die Einkaufstüte, die Musikanlage, der PC - eben nicht nach zwei Wochen auf dem Kompost hinter dem Haus verrottet ist, sondern schon etwas läääääääääääääääääänger braucht. Und da kann man gern auch mal das Verbrauchsverhalten ein wenig ändern - Stichwort gute Vorsätze zum neuen Jahr.

Geändert von Hologramm77 (07.03.2020 um 09:24 Uhr)
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