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Alt 28.07.2006, 23:47   #1
Wusch
 
Registriert seit: 08/2004
Ort: München
Beiträge: 19.817
Montagsmensch

angeregt durch poors thread "poorbutloudingen", in dem ich angedroht hatte, etwa ähnliches zu schreiben , habe ich mich nun entschlossen, diesen thread zu eröffnen....

ich hab' keine ahnung, ob's jemand interessiert, deswegen sind kommentare zunächst willkommen - sollte ich tatsächlich mehr schreiben und auf resonanz stoßen, kann man ja einen smalltalk-thread dazu aufmachen und die hier geposteten beiträge rüber verschieben.


MONTAGSMENSCH

Alles begann mit einem Fernsehapparat. Über die Anschaffung eines solchen Gerätes hatte ich meine Eltern mauscheln hören, wusste aber nicht, wann das nun der Fall sein würde. Dann eines Tages - es muss irgendwann im Spätsommer des Jahres 1963 gewesen sein - kam ich von einem meiner zahlreichen Aufenthalte bei meinen Großeltern mütterlicherseits nach Hause (nun ja, im Grunde genommen wohnte ich zu dieser Zeit bei Oma und Opa, aber dazu später mehr...) und wurde von meinen Eltern voller Stolz ins Wohnzimmer geführt. In der Ecke hinter der Balkontüre stand ein gänzlich dunkelbrauner Quader auf vier Beinen und mummelte vor sich hin. Mein Blick muss wohl ein ziemliches Unverständnis und vor allem eine himmelschreiende Enttäuschung ausgedrückt haben, jedenfalls verschwand der stolze Ausdruck unvermittelt aus den Gesichtern von Mami und Papi. Das Ding hatte keinen Bildschirm! Es erinnerte eher an eine zu dieser Zeit moderne Bar mit einer Schiebetür vorne dran! Ich war nahe am Heulen, aber dann rannte mein Vater zu dem Kasten, begann zu grinsen und schob die Schiebetür beiseite - und siehe da - zum Vorschein kam ein matt glänzender Bildschirm! Ein Knopf wurde gedrückt und das Testbild erschien in sanften Schwarz-Weiß-Tönen untermalt von einem beruhigenden Tüüüüüt-Geräusch. Wir hatten einen Fernseher! Ich strahlte!

Heute ist mir klar, warum dieses Erlebnis zu den ersten meiner bewussten Erinnerung zählt, es konnte gar nicht anders sein. "Laufende Bilder" sollten mein Leben immer wieder beeinflussen - egal, ob in so einem alten TV-Gerät, auf allen möglichen Leinwänden in Kinosälen - oder aber in meinem Kopf. Wir alle tragen zeit unseres Lebens Filme in unseren Vorstellungen herum - Filme, in denen wir unsere Zukunft planen und entwerfen, Filme, in denen wir uns vorstellen, was alles gut laufen kann, aber auch Filme, die uns Angst machen - wenn wir etwa darüber nachdenken, was wäre, wenn ein geliebter Mensch auf einmal nicht mehr da wäre. Die meisten dieser Filme bekommt nie ein anderer Mensch zu sehen, wenngleich es manche Menschen schaffen, ihre Kopf-Filme entweder tatsächlich als reales Leben zu verwirklichen oder eine Geschichte, die sie in ihrem Geist haben, niederschreiben und all die Mühen auf sich nehmen, sich Geld pumpen, Schauspieler und ein Team engagieren und "ihren" Film dann tatsächlich auf die Leinwand bringen.
Aber wie gesagt - die meisten Filme haben nur einen einzigen Zuschauer - uns selbst.

Ich war damals, als ich staunenden Auges vor der neuen Mattscheibe stand, gerade einmal drei Jahre alt und schon damals ein verwöhntes Einzelkind. Der Ort, an dem ich aufwuchs, war eine Kleinstadt im Süden der Republik mit etwa 40.000 Einwohnern. Dorthin hatte es meine Großeltern nach dem Krieg 1946 verschlagen, dort wohnten sie zusammen mit ihrer damals 16-jährigen Tochter auf 20 Quadratmetern in Untermiete bei einem Zahnarztehepaar mit sieben Kindern.
Von all meinen verwandten Vorfahren komme ich am nächsten nach meinem Opa. Ich habe sein Selbstbewusstsein und seine Sturheit!
Er war 1901 geboren und lebte in einem kleinen Dorf namens Kozolupy 10 km von der heute tschechischen Stadt Pilsen entfernt. Als er 14 war, starb seine Mutter - sein Vater musste arbeiten - und er kümmerte sich um seine jüngeren Geschwister. Er machte eine Lehre bei Skoda, die damals nicht nur Autos bauten und bildete sich in seiner Freizeit selber weiter. Er wurde in den Ersten Weltkrieg eingezogen, verpasste aber auf dem Weg zu seinem Regiment den Zug - und ging wieder nach Hause. Er begann, Karriere als Ingenieur zu machen und wurde Bürgermeister seines Dörfchens. Nach dem Ersten Weltkrieg war er in die SPD eingetreten und hatte meine Oma kennengelernt, die im Dorf bei einer Art Adoptivtante gelebt hatte und sich später um deren Haushalt kümmerte. Oma wurde 1908 in einem NNachbardorf geboren, ihr Vater starb, als sie drei Jahre alt war und ihre Mutter, als sie neun war. Nach einem Aufenthalt bei ihrer Großmutter, einer verbiesterten alten Hexe, kam sie nach Kozolupy zu jener Tante Svoboda, die sie aufnahm und gut zu ihr war. Leider war es ihr nicht möglich gewesen, eine Ausbildung zu machen und zeit ihres Lebens hat sie davon geträumt, Krankenschwester zu sein und anderen Menschen zu helfen.
Oma und Opa waren schon lange ein Paar, meine Mutter war auch schon geboren, aber als uneheliches Kind, denn mein Opa wollte erst heiraten, wenn er eine Stelle hatte, von der er wusste, dass sie ihm die Ernährung seiner Familie sicherstellen würde. Das war dann der Fall, als meine Mutter zwei Jahre alt war - bis dahin war ihm die vorherrschende Meinung der Anderen egal. Ein Sturkopf eben.
Später war er in Polen und Russland unterwegs, um den Bau von Fabriken zu überwachen - wurde so vom Dienst im Zweiten Weltkrieg freigestellt, war nebenbei aktiver Widerstandskämpfer gegen die Nazis und brachte es schließlich während des Krieges zu einigem Wohlstand. Zu dieser Zeit leitete er eine Fabrik am nördlichen Stadtrand von Prag. Am Ende des Krieges landete er in einem Lager und meine Oma mit meiner Mutter in einem anderen. Sie waren Deutsche und von den Tschechen nicht gewollt. Als die Aussiedlerwelle begann, wollte mein Opa sofort weg, obwohl er die Möglichkeit gehabt hätte zu bleiben, denn seine Schwester war mit einem hochrangigen Kommunisten verheiratet, der ihm das Bleiben ermöglicht hätte. Seine Antwort: "Hier hält mich nichts mehr - und wenn ich in meiner neuen Heimat Steine klopfen muss!" - Was er dann auch tatsächlich musste.

Mit nichts als ihren Kleidern am Leib landeten sie also in jener süddeutschen Kleinstadt, wo mein Opa wieder ganz von vorne anfangen musste, tatsächlich zunächst in einem Steinbruch gearbeitet hat, ehe er eine Stelle als Schlosser beim Bauunternehmen "Kunz" fand. Er arbeitete sehr hart, um meiner Mutter das Studium auf dem Musikkonservatorium in Augsburg zu ermöglichen, wohin sie täglich mit dem Zug fuhr. Ihr gegenüber war er sehr streng, sie musste täglich mindestens sechs Stunden Geige üben - teilweise mit Handschuhen, bei denen die Fingerkuppen abgeschnitten waren - wenn es im Zimmer null Grad hatte.
Tatsächlich begann meine Mutter, Karriere zu machen - sie spielte in Orchestern, in einem Streichquartett und gab auch schon selber Unterricht.
Die Musik war es auch, die meine Eltern zusammen brachte - sie waren zwar an der selben Schule gewesen, aber mein Vater hatte ein Jahr vor meiner Mutter Abitur gemacht. Sie kannten sich aus dem Schulorchester und irgendwann hatte es gefunkt - mein Vater war damals ein gut aussehender sportlicher Typ, dem die Mädels hinterher gerannt sind - er hatte ein unglückliche Beziehung hinter sich (seine Freundin war gestorben) und dann traf er auf meine Mutter.
Ende der 50-er Jahre musste sich meine Mutter dann entscheiden - sie hatte ein Angebot vom bolivianischen Staatsorchester. Karriere oder Familie. Aufgrund ihrer strengen Erziehung war sie noch mit Mitte 20 eine relativ unbedarfte und unerfahrene Frau, deren Angst vor der großen, weiten Welt letztendlich viel zu groß war.

Am 4. Juli des Jahres 1960 um 2.14 h - es war ein Montag - erblickte ich das grelle Licht des Krankenhauskreissaales - zwei Wochen zu früh - und landete erstmal im Brutkasten.

Geändert von Wusch (29.07.2006 um 21:47 Uhr)
Wusch ist offline  
Alt 28.07.2006, 23:47 #00
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Alt 28.07.2006, 23:51   #2
Heulsuse
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du hast am gleichen tag geburtstag wie mein ex, allerdings 10 jahre früher...
außerdem bist du der jahrgang meiner mama - wusch, du könntest mene mutter sein! #gruebel#
 
Alt 29.07.2006, 00:21   #3
Wusch
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Nch meiner Geburt war mein Vater aus dem Häuschen - meine Mutter völlig überfordert. Damals gab es ja noch keine Baby-Puppen-Kurse, in denen sie sich auf den Umgang mit einem schreienden, quengelnden Etwas vorbereiten hätte können. Es stand für sie jedenfalls relativ schnell fest, dass sie es bei dieser EINEN Geburtserfahrung belassen wollte - und so begann ich mich auf das Dasein eines verhätschelndes Einzelkindes vorzubereiten. Schließlich gab es da die unausgelebte Sehnsucht meiner Oma, für andere da zu sein, welche sie ganz schnell auf mich projizierte und mich wie ihr eigenes Kind aufzog. Und ich hatte das Glück, nicht nur zwei, sondern vier Bezugspersonen zu haben und so quasi die doppelte Menge an Anschauungsmaterial von Lebensstrategien vor mir zu haben, an denen ich mich nun bedienen konnte.

Zunächst einmal war ich ein braves und ordentliches Kind (meine Oma), entwickelte aber auch schon bald eine gewisse Hartnäckigkeit im Durchsetzen meiner Wünsche bzw. im Nicht-Befolgen gewisser Aufforderungen (mein Opa), hatte großes Interesse an der Musik und wollte so schnell wie möglich Geige spielen lernen (meine Mutter), liebte aber auch bereits im Kindergarten den Umgang mit Zahlen (mein Vater, ein Bankbeamter...).
Schüchtern, wie ich war, saß ich bei Faschingsfeiern in meinem dämlichen Clownskostüm in einer Ecke, dabei wollte ich doch unbedingt Cowboy sein. Dort lernte ich auch flüchtig einen Jungen kennen, der 15 Jahre später eine Zeitlang mein bester Freund werden sollte - und zwei Mädchen, die mich bis zur 11. Klasse meiner Schullaufbahn begleiten sollten und bei denen ich mich letztendlich nie wirklich entscheiden konnte, welche von ihnen ich lieber mochte. Beste Freundinnen waren sie auch noch...
Die eine, Bille, war ein stets fröhliches, optimistisches und niedliches Mädchen, deren Eltern mit meinen befreundet waren (ihre Mutter spielte zusammen mit meinen Eltern im örtlichen Orchester, welches den seltsamen Namen "Orchesterverein" hatte und auch heute noch hat) - die andere, Birgit, war eher groß und schlank gewachsen und besaß eine markante Nase, wie man sie bei griechischen Frauenstatuen findet. Ihre Eltern besaßen ein Obst- und Gemüsegeschäft, sie wurde immer von ihrem Vater in einem dunkelbraunen Simca-Kombi abgeholt, der nach Früchten roch und wurde katholisch erzogen.
Bille ist heute Rechtsanwältin, war nie verheiratet und hat keine Kinder - Birgit ist Augenärztin, mit einem Kardiologen verheiratet und versäumt immer noch keinen sonntäglichen Gottesdienst. Sie hat die Bibel sehr genau genommen ("Gehet hin und mehret euch!") und ist Mutter von sechs Kindern.

Bis zu dieser Zeit hatte ich nicht nur die Nachricht vom Attentat auf John F. Kennedy im Fernsehen verfolgt, sondern auch meine ersten Kinoerlebnisse hinter mich gebracht. Filme wurden damals zunächst im örtlichen Stadttheater gezeigt und meine Mutter hatte mich in den Disney-Zeichentrickfilm "Schneewittchen" geschleppt. Natürlich war mir mit meinen drei Jahren nicht klar, dass die Bilder, die ich da gebannt auf der Leinwand verfolgte, keine reale Geschichte erzählten - es war mir auch egal, dass Schneewittchen eine gezeichnete Figur war, ihr Leid ging mir ans Herz und ich musste so laut heulen und schluchzen, dass mich meine Mutter nach draußen brachte. Das Ende des Films habe ich bis heute nicht gesehen.

Aufgrund dieser Erfahrung hatte ich bei meinem zweiten Kinobesuch etwas Angst, aber einerseits war diesmal mein Opa dabei und andererseits handelte es sich um einen Film über die Streiche von "Max & Moritz", bei dem ich herzhaft lachen konnte. Wie sehr doch Lachen und Weinen manchmal nah beieinander liegen - im Kinosaal wie im Leben.
Jedenfalls war von diesem Augenblick an das Pflänzchen der Liebe zum Film in mir gesät.

Geändert von Wusch (29.07.2006 um 03:03 Uhr)
Wusch ist offline  
Alt 29.07.2006, 00:58   #4
Mischka
The Legend
 
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Das ist interessant, wuschl....und wie aus dem richtigen Leben gegriffen .
Das sage ich dir, weil wir beide ja - du beruflich, ich freizeitlich - in der gleichen Branche arbeiten.

Eigentlich müßten wir anderen aus der 60er Generation auch mal solche Geschichten aus dem Leben erzählen. Ich finde die zwar "kitschiger" aber doch irgendwo interessanter als die der heutigen Generation .
Mischka ist offline  
Alt 29.07.2006, 23:27   #5
Wusch
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Neben Kinobesuchen wie die Winnetou-Filme, Ben Hur, Die zehn Gebote war es natürlich auch das Fernsehen, wobei mich schon damals Kinderserien wie etwa die Augsburger Puppenkiste nicht interessierten - ich wollte schließlich erwachsen sein. War es meine Schuld, dass ich erst fünf Jahre alt war?
Ich kann mich an Sommernachmittage erinnern, die ich zusammen mit einem Nachbarsjungen entweder in seinem Hinterhof verbracht hatte - wobei wir zu zweit Fußball spielten (er war Uwe Seeler und ich Franz Beckenbauer) - oder auf der Wiese hinter dem Haus meiner Großeltern herumtollten. Dort lag ich auch manchmal auf einer Decke in der Sonne, lauschte den Vögeln oder dem langsam näherkommenden und sich wieder entfernenden Rattern eines vorbei fliegenden Flugzeugs - wobei ich dann meisten eingedöst bin, während im nachbarlichen Sägewerk Holz zerkleinert wurde und der warm-weiche Duft der Sägespäne meine Nase umflunkerte. Diesem Umstand habe ich es zu verdanken, dass ich seitdem das Geräusch des Bohrers beim Zahnarzt als angenehm empfinde.
Eines aber musste dann auf jeden Fall sein: ab 17 h gab es zwei Serien, deren Namen mir heute entfallen sind, die damals aber "Pflichtprogramm" waren. Zuerst kam eine, in der ein kleiner Bär die Hauptrolle spielte (ein echter - kein Zeichentrickbär) und danach eine Förster-Serie, in der die Hauptperson in einem VW-Iltis durch die Gegend fuhr. Meine Oma machte uns dazu meist leckere Brote und wir zogen die Vorhänge zu, um den Bildern auf dem Fernsehschirm Platz zu machen.
Mein Opa hat mich damals entgegen des Rates meiner Eltern auch "Raumpatrouille" sehen lassen, was dazu geführt hat, dass ich Albträume bekam, nachts durch die Wohnung schlafwandelte und eine Stehlampe zerdepperte. An Science Fiction war ch damals mehr interessiert als an Märchen - die waren schließlich was für Kinder...
Und dann natürlich das Apollo-Programm. Fasziniert und mit großen Augen hab ich jede Sendung dazu verfolgt und noch heute hab' ich die angenehme Stimme von Werner Siefarth im Ohr. Ich weiß noch, wie sehr ich weinen musste, als die Mannschaft von Apollo 7 beim Start in ihrer Rakete verbrannt ist...
Wusch ist offline  
Alt 29.07.2006, 23:28   #6
Wusch
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In der Zwischenzeit war ich in die Schule gekommen - allerdings erst mit sieben Jahren. Ein Jahr zuvor sollte ich es versuchen, da ich aber anscheinend noch ein viel zu verträumter Junge war, haben mich meine Eltern zurückstellen lassen. In diesem Jahr ging mein Opa in Rente und brachte mir, der ich dann doch wissbegierig war, Lesen, Schreiben und Rechnen bei. Der Buchstaben-Setzkasten, den wir in der ersten Klasse vorgesetzt bekamen, empfand ich dann als stinklangweilig. Mit der Schule gingen auch die Busfahrten in den Kindergarten vorbei, die ich so sehr geliebt hatte. Ich hatte mich immer ganz vorne auf den ersten Sitz schräg hinter dem Fahrer gesetzt, die horizontale Haltestange davor diente mir als Lenkrad und ich hab' mir vorgestellt, nicht der Fahrer, sondern ich würde den Bus lenken.
Als ich in der zweiten Klasse war, brachte mir mein Opa das Addieren bei und ich konnte stundenlang dasitzen und riesenhafte Zahlen zusammenzählen. Meine Lehrerin schlug damals meinen Eltern vor, mich ein Schuljahr überspringen zu lassen, aber ich wollte nicht weg von meinen Freunden.
Wahrscheinlich wäre mein Leben mit dem Überspringen anders abgelaufen, ich hätte andere Jungs und Mädels kennengelernt und wer weiß, welche Freundschaften heute davon übrig wären.
In der dritten und vierten Klasse bekam ich Herrn Beutler als Lehrer, einen gemütlichen älteren Herrn (na ja, damals zählte jeder, der über 30 war als älter - wenn ich richtig rechne, war er damals gerade mal Mitte vierzig), von dem ich viel Gutes gehört hatte, was sich in jenen zwei Jahren dann auch bestätigen sollte. Ich saß neben Manfred, dem Sohn eines Malermeisters (der heute ebenfalls Malermeister ist) - wir waren beide sehr gute Schüler, trieben aber dennoch eine Menge Unsinn. Herr Beutler war gleichzeitig auch für die Stadtbildstelle zuständig, jene Abteilung, in der die ganzen FWU-Schulfilme aufbewahrt wurden. Da diese auch zu Zeiten besetzt sein sollte, in denen er Unterricht gab, übergab er mir die verantwortungsvolle Aufgabe, auf die Filme aufzupassen, sie auszuleihen und wieder entgegenzunehmen. Ich verbrachte so ganze Vormittage in jenem Büro und sah fasziniert Filmrolle für Filmrolle durch.
Zu dieser Zeit war ich fast in jedem Fach ein Einser-Schüler, auch wenn mich Heimatkunde überhaupt nicht interessierte und ich mich an einen fürchterlich langweiligen Film über Raps-Anbau erinnern kann. Die einzigen Fächer, in denen ich eine Drei hatte, waren Schönschrift (ja, sowas gab es damals noch) und Handarbeiten. Ich habe die fehlende handwerkliche Begabung leider von meinem Vater abgekriegt, die Gene meines Opas wären mir da lieber gewesen.
Selbst heute haue ich mir immer noch auf den Daumen, wenn ich einen lächerlichen Nagel in die Wand schlagen soll.
Im Zuge des Nasa-Programmes erwachte eben auch mein Interesse an Science Fiction, ich war mir sicher, dass es da draußen irgendwo Außerirdische geben müsse und hab ein Buch über eine Expedition zum Mars, bei der die Astronauten unheimliche Wesen entdeckten, die tief im Inneren des Planeten wohnten, sieben Mal gelesen. Es hieß, "Mars - Planet der Geister". Überhaupt begann ich mich damals, für alles zu begeistern, was in den Bereich Grenzwissenschaften fiel - ich war 12, als ich Erich von Dänikens "Erinnerungen an die Zukunft" las und im Laufe der Jahre alle möglichen Bücher über Telepathie, Telekinese und ähnlich abstruse Dinge.
Comics hab ich auch gelesen - Superman..ja, Batman war mir lieber gewesen, eben, weil er über keine besonderen (Super)Kräfte verfügte - am liebsten waren mir aber die "Wastl"-Comics. Der dicke Superheld mit seinem gelben Cape und seinem Atommotorrad "Bumsi", seinem ebenfalls ganz in gelb gekleideten Neffen Ricky, Professor Barnabas und Tante Sidonie.
Die Clique meiner Nachbarsfreunde war monatelang im "Wastl"-Wahn und wir düsten auf unseren Fahrrädern durch die Gegend - fest im Glauben auf "Bumsi" zu sitzen. Zwei jener Nachbarskindern scheint diese Phantasie tatsächlich mehr zu Kopf gestiegen sein, jedenfalls hat sich einer von ihnen mit 16 Jahren vor den Zug geworfen und der andere hat, seit er 20 ist, eine lange Psychiatriekarriere hinter sich.
Überhaupt Selbstmorde - da gab es einige in meiner Nachbarschaft. Ein Stockwerk unter der Wohnung meiner Eltern lebte eine allein erziehende Mutter, deren Tochter etwa im selben Alter wie ich war und die sich in der Badewanne die Pulsadern aufgeschnitten hatte, ein Mann aus dem Nachbarhaus hat sich erschossen und kurz darauf hat sich sein Sohn erhängt. Der Tod - auch er hat mich fasziniert, weil er so unfassbar war, so alltäglich, sich aber doch gottseidank von meinen Nächsten ferngehalten hat. Der Erste, der in meiner Verwandtschaft gestorben ist, war ein Cousin meiner Mutter, der bei Siemens in Nürnberg gearbeitet hatte und mit paarundvierzig einem Herzinfarkt erlag. Ich weiß noch genau, als es damals bei uns klingelte und der Postbote uns ein schwarzes Telegramm aushändigte...meine Mutter las es und brach in Tränen aus. Und was tat ich - ich bekam einen krampfhaften Lachanfall, der einfach nicht aufhören wollte.
Irgendwie wollte ich den Tod zu fassen kriegen und las Bücher über Unfälle, Morde und Selbstmorde und eines - ein kleines Taschenbuch aus dem Knaur-Verlag - über mittelalterliche Foltermethoden. Immer wieder las ich die schrecklichsten Seiten durch, stellt mir die Leiden der Menschen vor, war gleichzeitig aber auch fasziniert von der Kreativität jener Folterknechte, die sich die abartigsten Methoden ausgedacht hatten, Menschen Schmerzen zuzufügen.
Das war wohl auch der Zeitraum, in dem Gott für mich ins Spiel kam.
Meine Erziehung war nicht besonders religiös. Ich war zwar lange jeden Sonntag mit meinem Vater in der Kirche, aber dort hab ich mich nie richtig wohl gefühlt. Ich hab nie wirklich verstanden, wann man warum aufsteht, sich setzt oder hinkniet, das Schlimmste waren aber meine Hosen. Ich sollte beim Kirchgang eine Stoffhose anziehen, die aber fürchterlich gekratzt hat. Irgendwann hab ich meinem Vater gesagt, dass ich die Hosen hasse und auch mit dem ganzen Gottesdienst nichts anfangen kann und nicht mehr hingehen will. Er hat es akzeptiert.
Zuvor war ich allerdings noch Ministrant. Ich hatte von den jährlichen Zeltlagern gehört, die die Jugendabteilung unserer Gemeinde veranstaltete und wollte da unbedingt mit. Dafür hab ich den langweiligen Ministranten-Unterricht auf mich genommen, stand bei einer Messe, die im Freien abgehalten wurde, fast zwei Stunden in der prallen Sonne, hab mir meine Knie während Maiandachten und Rosenkränzen aufgescheuert und bin einmal dabei sogar eingenickt, was dazu geführt hat, dass ich die brennende Kerze, die ich da in meiner Hand hielt, fallengelassen habe und fast unsere Basilika in Brand gesetzt hätte.
Meine Eltern war gegen das Zeltlager und mein Dasein als Ministrant war vorbei.
Das muss kurz nach der Ölkrise gewesen sein, denn ich entsinne mich daran, dass ich einmal oben auf der Empore unserer Kirche stand und zum Fenster hinausgesehen hatte - die Straßen waren seltsam leer, was am sonntäglichen Autofahrverbot lag. Ein seltsamer und unwirklicher Anblick.
Das Ende meiner Ministranten-Laufbahn war auch gleichzeitig das Ende jener Zeit, in der ich an den kirchlichen Feiertagen mit meinen Eltern von Messe zu Messe gehetzt bin. Die haben nämlich damals in den Orchstern zweier Gemeinden gespielt und waren jedes Mal dabei, wenn eine Bach-Messe oder ähnliches aufgeführt wurde.
Um neun Uhr in Kirche A, um halb elf Uhr in Kirche B. Das brave Dabei-Sitzen oben auf den Emporen hab ich immer als Zeitverschwenung empfunden, obwohl ich die manchmal hampelmannartigen Bewegungen der Organisten, wenn sie mit Händen und Füßen in die Pedale traten, ganz amüsant fand.
Die Kirche konnte mir nichts geben - logische Konsequenz dessen war für mich, dass es keinen Gott gab!
Niemals hatte ich den Hauch eines Einflusses von ihm gespürt, die ganzen Rituale eines kindlichen Nachtgebetes, Erzählungen von Engeln oder das Lesen in der Bibel während des Religionsunterrichts - für mich waren das alles schöne Märchen, erfunden von Menschen. Auch das Christkind, auf dessen Ankunft ich mich früher voller Erwartung gefreut hatte und sein Klingeln an der Tür kaum erwarten konnte an den Weihnachtstagen, längst war es eine Mär und Weihnachten sinnlos geworden.
So war der Grundstein für mein späteres Interesse am Existenzialismus gelegt - ich war 13 - und was nun viel interessanter sein sollte als der ganze religiöse Kram waren die Mädchen.
Wusch ist offline  
Alt 30.07.2006, 10:50   #7
Colombine
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moin wusch!

bitte weiterschreiben, das ist spannend!

zum thema kirche: genauso ging es mir auch. nur statt der kratzenden hose fand ich das stehen so furchtbar. ich denke mal, dass es daran lag, dass ich sehr sehr schnell gewachsen bin und bei langem stehen ohne bewegung wurde mir immer ganz komisch. mein ganzes denken war darauf konzentriert nicht umzukippen und den moment des wiederhinsetztens herbeizuzaubern. als die konfirmation vorbei war und es mir freigestellt wurde, in die kirche zu gehen oder nicht, bin ich nie wieder hin.

auch die inhalte des konfirmationsunterrichts konnte ich nicht ernst nehmen. ich empfand es als aufgesetzt. mein bruder hatte ein paar jahre früher beim gleichen pfarrer den gleichen unterricht genossen und ist daraufhin auch pfarrer geworden. das versteh ich bis heute nicht und oft beneide ich ihn, weil sein glauben ihm viele zweifel abnimmt, an denen ich fast zerbreche.

an den fernseher mit der schiebetür kann ich mich auch noch erinnern. und programm gab´s immer nur abends für ein paar stunden. dann kamen oft ganz viele leute und versammelten sich andächtig im wohnzimmer meines grossvaters. fernsehen war damals ein besonders ereignis und ich konnte es nicht fassen, wie die kleinen menschen in dem apparat lebten.

lg
colombine
 
Alt 30.07.2006, 12:42   #8
AndrewAustralien
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Zitat:
Zitat von wusch
ich hab' keine ahnung, ob's jemand interessiert, deswegen sind kommentare zunächst willkommen
Doch, mich interessiert es, danke fürs Schreiben. Und andere auch. Also doch weiterschreiben, das wird doch mit Interesse gelesen.
 
Alt 30.07.2006, 19:11   #9
poor but loud
Special Member
 
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Beiträge: 4.502
Hut ab! Also, bei mir war das mit den Großeltern so, dass sie den Zweiten Weltkrieg, z. T. trotz Gefangenschaft, gut überstanden haben. Nicht so die Großonkels: Zwei sind gefallen, und die Spur eines dritten verliert sich in der damaligen Sowjetunion.

Jetzt, wo Du es sagst: Wir haben uns im Unterricht auch schon Zelluloid made by FWU reingezogen. Heißt das nicht "Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht"? In den frühen Achtzigern hingen dann in den beiden vorderen Ecken des Projektionsraumes 2 Fernseher, wie üblich mit Holzdekor und alle Bedienungselemente sowie der einsame Breitbandlautsprecher rechts. Die Videorecorder kannten damals nur die Längsspur-Tonaufzeichnung im Diktiergeräte-Tempo, und das nur in mono - toller Blecheimer-Sound! Mit diesem Signal wurden dann beide Fernseher "befeuert".

Was die Religion anbetrifft: Es läuft soviel Mist in der Welt, dass ich es nicht so recht glauben kann. Andererseits bin ich in puncto Katastrophen immer mit einem blauen Auge davongekommen. Ein bisschen Hoffnung, dass ein gerechter Gott ab und zu nach dem Rechten sieht, ist deshalb noch da.

Wo ich mich auch noch dran erinnere, ist unsere alte Badezimmerkommode aus erster Ehe meines Vaters. Sieht fast nach Wurzelholz aus. Ich erinnere mich heute noch an das satte Einrastgeräusch, das entstand, wenn der "Nippel" in der Messingfeder verschwand. Nun ja, zu Zeit meiner bewussten Kindheit war das Ding schon ziemlich als und schwergängig und ist dann den Weg alles Irdischen gegangen.

Mein Erfolg bei Mädchen hielt sich in Grenzen. Wenn man bedenkt, dass die meisten Jungen sportlicher und kontaktfreudiger waren, "coolere" Hobbies hatten und dass ihre Haare gut saßen - meine tendierten damals immer in Richtung Pilzkopf - habe ich aber keinen Grund zum Meckern. Noch dazu war ich ein "Wischiwaschi-Typ", und so sind auch alte Schulfreundschaften von anno dazumals eingeschlagen. Die Jungs, mit denen ich einst in einer Band gespielt oder zumindest gejammt hatte, habe ich auch aus den Augen verloren. Ich wollte damals "was gescheites lernen", nebenbei ein bisschen rumklimpern und mir eine Band suchen, die das niemals (semi-)professionell machen will und auch sonst zu mir passt. Die anderen wollten es in vielen Fällen genau umgekehrt machen, sind in die Rock-Metropolen Deutschlands umgezogen und haben nebenbei ein bisschen gearbeitet.

Ich habe dann noch etliche schöne und weniger schöne Phasen durchgemacht, und heute bin ich in mancher Hinsicht mein eigener Papa

Zu Ex-Mitschülern aus Poorbutloudingen habe ich dagegen noch sporadisch Kontakt. Dieses Wochenende kommt meine Ex-Klassenkameradin mit Ehemann und Kindern aus dem Urlaub zurück. Dann werde ich mal ein längeres Telefonat mit ihr führen. Wir denken beide über ein Klassentreffen nach.

Bitte schreib weiter, wir wollen doch alle wissen, wie das mit den Mädels lief und was es sonst noch so zu berichten gab.
poor but loud ist offline  
Alt 31.07.2006, 02:37   #10
Wusch
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freut mich *hüpf*
ich werde weiterschreiben
fragt sich bloß, wann...kann ne woche dauern - hab besuch
Wusch ist offline  
Alt 31.07.2006, 02:37 #00
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Hey Wusch,
 

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