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Alt 13.02.2001, 00:17   #1
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Beiträge: 607
...text, der als ich ihn das erste mal gelesen hab gänsehaut auf meinen rücken gezaubert hat.




Max Frisch (1911-1991): Du sollst dir kein Bildnis machen

es ist bemerkenswert, dass wir gerade von dem menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei. wir lieben ihn einfach. eben darin besteht ja die liebe, das wunderbare an der liebe, dass sie uns in der schwebe des lebendigen hält, in der bereitschaft, einem menschen zu folgen in allen seinen möglichen entfaltungen. wir wissen, dass jeder mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und dass auch die liebenden sich alles entfalten, das nächste, das lange bekannte. vieles sieht er wie zum ersten male. die liebe befreit es aus jeglichen bildnis. das ist das erregende, das abenteuerliche, das eigentlich spannende, dass wir mit den menschen, die wir lieben, nicht fertig werden: weil wir sie lieben; solang wir sie lieben. man höre bloss die dichter, wenn sie lieben; sie tappen nach vergleichen, als wären sie betrunken, sie greifen nach allen dingen im all, nach blumen und tieren, nach wolken, nach sternen und meeren. warum? so wie das all, wie gottes umerschöpfliche geräumigkeit, schrankenlos, alles mögliche voll, aller geheimnisse voll, unfassbar ist der mensch, den man liebt - nur die liebe erträgt ihn so.

warum reisen wir?
auch dies, damit wir menschen begegnen, die nicht meinen, dass sie uns kennen ein für allemal; damit wir noch einmal erfahren, was uns in diesem leben möglich sei -
es ist ohnehin schon wenig genung.

unsere meinung, dass wir das andere kennen, ist das ende der liebe, jedesmal, aber ursache und wirkung liegen vielleicht anders, als wir abzunehmen versucht sind - nicht weil wir das andere kennen, geht unsere liebe zu ende, sondern umgekehrt: weil unsere liebe zu ende geht, weil ihre kraft sich erschöpft hat, darum ist der mensch fertig für uns. er muss es sein. wir können nicht mehr! wir künden ihm die bereitschaft auf, weitere verwandlungen einzugehen. wir verweigern ihm den anspruch alles lebendige, das unfassbar bleibt, und zugleich sind wir verwundert und enttäuscht, dass unser verhältnis nicht mehr lebendig sein. "du bist nicht", sagt der enttäuschte oder die enttäuschte:"für was ich dich gehalten habe."
und wofür hat man sich gehalten?
für ein geheimnis, das der mensch ja immerhin ist, ein erregendes rätsel, das auszuhalten wir müde geworden sind. man macht sich ein bildnis.
das ist das lieblose, der verrat.

seele ist offline  
 

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