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Alt 25.08.2006, 15:55   #21
poor but loud
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Ja, ja, die Erinnerungen an die gute alte Zeit. Ich will ja, wie gesagt, mit meinem Bruder noch einmal Poorbutloudingen besichtigen und habe mich daraufhin mal mit dem alten Stadtplan befasst. Unser Bahnhof und der vom Zentrum waren mir noch vertraut, aber sonst? Wo verlief doch gleich die Bahnlinie, und wie sah es entlang der Strecke überhaupt aus?

Vor 3 Tagen fiel mein Blick dann auf die Bahnlinie im Stadtplan. Langsam kehrte mein Gedächnis an Szenen, die rund 30 Jahre zurück liegen, wieder, so richtig allerdings erst im Traum. In der darauf folgenden Nacht erschienen mir Szenen aus den letzten glücklichen Ehetagen meiner leiblichen Eltern und aus den ersten Monaten nach Vaters Wiederverheiratung. Mensch, wir hatten doch mindestens zwei beschrankte Bahnübergänge im Ort! Und einen davon musste ich auch auf dem Weg zur Grundschule überqueren; die Bahngleise lagen also von der Schule aus gesehen stadtauswärts, in Richtung Zuhause und in Richtung Wald.

In der Nähe der Schule gab es einen Tante-Emma-Laden, in dem wir uns als Kinder immer Brausebonbons kauften. Der Inhaber hatte eine Tochter, die ein wenig jünger war als ich und entsprechend später eingeschult wurde. Zu Beginn meiner Schulzeit schaute sie deshalb gern mal ihrem Vater bei der Arbeit über die Schulter. Ich kann sogar noch mit Bestimmtheit sagen, wie "die Kleine" hieß. Mit vollem Namen; die Eltern trugen nach meinem Kenntnisstand natürlich die Vornamen "Herr" und "Frau". Und gleich hinter dem Laden waren die stählernen Gitterzäune, hinter denen die Gleise verliefen. Wenn ich mich recht erinnere, gab es in dieser Ecke auch eine Kleingartenanlage.

Ja, ich denke oft zurück an diese Zeit. Und wenn ich mit dem Fahrrad meine heutige Umgebung erkunde, stoße ich immer wieder mal auf landschaftliche Formationen, die mich an meine Kindheit und Jugend erinnern, auch an die ersten Jahre nach Poorbutloudingen, an jenem Ort, an dem ich mein Abitur machte - sagen wir, er hieß Abituringen.

Was ich vermisse, ist ein richtig schöner Wald, wie wir ihn damals (in Poorbutloudingen) hatten. Wir gingen einige hundert Meter bergauf, stießen auf jenen Weg, der im Winter zur Schlittenpiste wurde, und wenn man in anderer Richtung lief, kam nur noch Wald. Auf dem Weg zum Märchenpark musste man mitten durch den Wald hindurch. Rechts und links gab es kilometerweit keine Landstraßen, die den Wald unterbrachen, keine Äcker, die ihn begrenzten, nur Wander-, Radwander- und forstwirtschaftliche Wege. Und durch diesen einen Wald hindurch konnte man die schönsten Ausflugsziele erreichen. Wenn ich dagegen an meine späteren Wohnorte denke: Bei Abituringen gab es wenigstens noch zwei weniger glückliche Schlittenpisten und einen kleinen Kletterfelsen, aber das war 's auch schon. In meinen übrigen Wohnorten beschränkten sich die Sehenswürdigkeiten auf einen Weiher und ein paar Borkenkäferfallen. Es gab immer ziemlich viele Äcker und Straßen um die Waldgebiete herum, oder der Wald beschränkte sich auf einen langweiligen Senioren-Wanderweg Richtung Berggasthof, auf einen ausgesprochenen Steilhang sowie auf jene vom Ort abgewandte Stelle, die - leider nur über etliche Weggabelungen und Doppelkurven - über Täler zum nächsten Hügel führt und ab der man sich hoffnungslos verirrt. Es gab keinen "Märchenwald" mehr, keinen Wald, in dem ein kleines Kind damit rechnete, eines Tages Bambi zu begegnen.

Noch einmal am Hang dieses "Märchenwaldes" zu wohnen, die schönen Seiten des damaligen bundesrepublikanischen Alltags zu erleben, umgeben von zwei jungen und kerngesunden Eltern, die sich mit mir nicht über die Herausforderungen des Erwachsenendaseins unterhalten, und von Geschwistern, die nicht diskutieren, sondern einfach nur spielen und glücklich sein wollen - das wäre mein Traum! Fast wie ein Nomade, der die letzten zehntausend Tage (rund 28 Jahre) damit verbracht hat, mit geschnürtem Bündel die viermal soviele (40.000) Kilometer ummessende Weltkugel zu Fuß zu umrunden, blicke ich wieder zurück auf die Zeit, als ich mich noch fast am Anfang meines Lebensweges befand, als ich zum ersten Mal - vielleicht mit dem Sommerhit des 24. August 1978 im Ohr - die erste Verschnauf- und Futterpause einlegte.

Geändert von poor but loud (25.08.2006 um 16:06 Uhr)
poor but loud ist offline  
Alt 25.08.2006, 15:55 #00
Verbraucherinformant

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Beiträge: 4692

Hallo poor but loud, ich kann mir vorstellen dass es dir heute nicht so gut geht. Was da hilft ist Schokolade. Schokolade hilft immer und es geht einem damit sicher nicht besser, aber für einen kurzen Moment kann man alle Sorgen vergessen. Ich habe heute beim Milka Schokoladenpaket Gewinnspiel mit gemacht. Vielleicht ist das auch was für dich?
Alt 25.08.2006, 16:05   #22
poor but loud
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Und was mitunter genauso im Kreis geht, das ist die Mode. Kehren wir an dieser Stelle noch einmal zu meinem Selbstbauprojekt Nummer 2.) zurück. Es wird ja "ziemlich retro" ausfallen. Als ich, mittlerweile in Abituringen eingezogen, meine ersten Lautsprecherboxen baute, waren die silbrigen Zierringe, die den Chic der Disco-Ära ausmachten, kaum noch anzutreffen, aber ich verfolgte noch nicht die Beiträge der einschlägigen Fachzeitschriften, und mein Geschmack war noch von der Zeit in Poorbutloudingen geprägt. Der Chrom- und Alu-Boom schien fast ausgestorben; heute ist er wieder brandaktuell.

Nun, nicht davon ist mein heutiges Projekt geprägt, sondern von jenen Entwürfen, die während des Baus meiner ersten Boxen auf der Höhe der Zeit gewesen wären. Damals kaufte ich auch zum ersten Mal ein HiFi-Magazin. Gestern habe ich die neueste Ausgabe derselben Zeitschrift gekauft und mit Verwunderung festgestellt, dass man mit unserer Sprache noch viel gelehriger umgehen kann, als ich es in diesem Satz tu. Da behauptet doch tatsächlich jemand, er hätte sich mit einem Subwoofer bekauft!

In diesem Heft tummelten sich wieder etliche Lautsprechermembranen in anthrazit-metallic; oft waren sogar Membrane und Staubschutzkappe aus einem Stück. Das gefällt mir, aber die Gehäusegestaltung hätte in manchen Fällen gern etwas schlichter ausfallen können. Ich versuche mich also am Brückenschlag zwischen Tradition und Moderne, muss aber doch erkennen, dass etliche schöne Sachen nicht für den Selbstbau verfügbar sind. Also nehmen wir das, was gut zueinander passt und sich vor allem nicht mit Holztönen beißt.

Bei der Beize tendiere ich nun doch mehr in Richtung Mahagoni. Außerdem bekommen die Chassis belastbarkeitsfördernd recht enge Übertragungsbereiche zugewiesen; es werden also 4-Wege-Boxen. Konkret heißt das:

Alle Körbe und Frontplatten schwarz. Hochtöner mit traditioneller silbriger Kalotte, traditionellem Diffusor und runder Frontplatte.

Zwei kleine und ein großer Mitteltöner (die beiden kleineren umgeben den Hochtöner), die alle an die Tieftöner meiner ersten Boxen (Ohrenkorb, Gummisicke, Verzicht auf Belüfltungsmaßnahmen) angelehnt sind. Die beiden kleineren Membranen sind schwarze Inverskalotten aus Aluminium. Obwohl im Prinzip ein Konuschassis, wurde die Membrane nicht nach alter Väter Sitte gelocht und zum Schluss mit einer Staubschutzkappe verschlossen, sondern aus einem einzigen kugelförmigen Stück gefertigt - sozusagen nach minderjähriger Mütter Sitte. Auf den ersten Blick sieht das aus wie die früher verbreiteten Mitteltöner mit konventionellen (nach außen gewölbten), oft 76 mm durchmessenden Kalotten aus Polymerwerkstoffen. Einzig und allein die Korbform weicht schon auf den ersten Blick davon ab.

Der größte Mitteltöner ähnelt seinen kleinen "Brüdern" sehr, nur dass die Membrane besagtes Loch in der Mitte hat und mit einer inversen - auch das ist z. Zt. in Mode - Staubschutzkappe verschlossen wurde. Beide bestehen aus Kohlefaser-Polymer-Verbundwerkstoff. Der Hersteller gibt seine Chassis mit Ausnahme von Restposten nicht für den Selbstbau frei, sondern beschränkt sich auf die Produktion von Fertigboxen. Dieselbe Firma hat übrigens auch vor über 45 Jahren unseren Plattenspieler gebaut, der im Gegensatz zum Röhrenradio schon lange hinüber ist.

Der Tieftöner schließlich folgt der Optik des größten Mitteltöners, hat aber wiederum einen runden Korb. Die Membrane und die inverse Staubschutzkappe bestehen aus einem Verbundwerkstoff auf Aluminiumbasis.

Ihr ahnt es schon: Ich habe mich mit zwei Tiefmitteltönern bekauft! *LOL* Gestern sind sie eingetrudelt, und ich musste sie doch gleich mal "probefahren". Ich habe den jeweiligen Prüfling auf den Wohnzimmertisch gelegt und mit der Anlage verbunden. Im Umkreis von 1,20 Metern gab es mit Ausnahme der Anlage und des Tischtuchs keine reflektierenden Flächen. Das Dumme dabei: Ich habe gar keine passenden Gehäuse.

Mit Gehäuse nimmt der Membranhub zu tiefen Tönen hin sehr schnell und unterhalb von vielleicht 55 Hz nur noch sehr langsam zu. Ohne Gehäuse nimmt er zwar zunächst nicht ganz so schnell zu, aber dafür verlangsamt sich die Hubzunahme erst um 30 Hz herum nur ganz allmählich. Noch dazu wandern die tiefen Schallwellen einfach um den Korbrand herum, ohne dass man den Tiefbass nennenswert wahrnimmt. Laute Kontra- oder Elektrobässe können also ab einer gewissen Lautstärke sogar zur Beschädigung des Chassis führen.

Im Hochtonbereich haben Tiefmitteltöner zwar keine Probleme mit der Betriebssicherheit, wohl aber mit den Klang: Die oberen Mitten haben mit den verschiedensten Verfärbungen zu kämpfen, und darüber spielt sich dann kaum noch was ab.

Also habe ich eine CD eingelegt, bei der sich die Fortissimo-Passagen praktisch nur im Grundton- und unteren Mitteltonbereich abspielen: Georg Friedrich Händel, Feuerwerksmusik, gespielt von den English Baroque Soloists unter der Leitung von John Eliot Gardiner. Den Eröffnungssatz habe ich mir dann in mono angehört.

Stellte ich mich direkt an die Tischkante, so konnte ich, wie es sein sollte, den Lautsprecher "von vorn" hören, allerdings tönte er dann noch lauter (rund 1 dB) als bei der 1-Meter-Messung. Weiter weg nahm dagegen die Schallbündelung im Obertonbereich stark zu; beides etwas unrealistische Abhörmethoden. Zunächst mal Hintergrundlautstärke; dann habe ich Lautstärke, Höhen und Bässe vorsichtig angehoben. Die Kontrabässe konnten sich kaum gegen die Celli durchsetzen und waren nicht durch Lautstärke, sondern nur durch den raueren Klang herauszuhören. Die Bratschen und Celli klangen ganz ordentlich. Mit den obersten Formanten von Geige und Oboe hatte der Lautsprecher natürlich Probleme. Vollends überfordert war er dann mit der Darstellung der Trompeten.

Am Ende hörte ich das Orchester - je nach Hörposition - in gehobener Lautstärke oder sogar in jener Lautstärke, die große Orchester beim Mezzoforte oder Forte erzielen. Wenn dann am Ende der ersten Phrase fast alle Instrumente auf einem langen Ton ausklangen und (ähnlich einer Überblendung) noch auf diesem Ton der anschwellende Paukenwirbel einsetzte, klangen die Pauken bei jeder Lautstärke sauber durchgezeichnet.

Und die Moral von der Geschicht': Mit den Trompeten war 's ein Reinfall, aber mitnichten ein Reinfall mit Pauken und Trompeten! Bei den Pauken war 's das glatte Gegenteil. Anders gesagt: Pauker sind cool! :d

Geändert von poor but loud (25.08.2006 um 16:16 Uhr)
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Alt 07.09.2006, 14:21   #23
poor but loud
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Lange Zeit habe ich darüber nachgedacht, wie ich diesen Thread beginnen sollte. Ich habe mich dann für eine Version entschieden, die die Hintergründe dieses Threads ganz am Anfang schildert. Unmittelbar voraus ging dieser Idee ein anderer Einfall, an dem ich lange festgehalten habe: Ich wollte den Schluss der Geschichte (d. h. natürlich den vor kurzem aktuellen Stand der Dinge) ganz am Anfang erzählen. Lest das ruhig mal; es stehen Dinge drin, die ich hier noch nicht erwähnt habe:

"Ich sitze hier vor einer Papiertüte mit allen möglichen Gegenständen drin, die jahrzehntelang völlig in Vergessenheit geraten waren. Größtenteils stammen sie noch aus jener Wohnung, in der ich fast meine ganze bewusste Kindheit verbrachte, in einer Stadt, die ich mittlerweile sehr vermisse - nennen wir sie Poorbutloudingen. Es ist viel Spielzeug dabei aus der Zeit, als ich vielleicht 12 oder 13 war. Dinge, die ich gebastelt hatte oder zum Basteln brauchte, wie z. B. ein inzwischen hoffnungslos verheddertes Knäuel Kupferdraht. Ein Teil aus einem Metallbaukasten. Kunststoffpoller, aus denen man Halsketten - oder vielleicht doch lieber exotische Nippestiere ? - bastelt. Ein daumengliedgroßes Gefäß, das meine Schwester oder ich mal getöpfert hatte. Und zu guter Letzt noch eine Fahrkarte von einer deutschen Inselbahn aus dem Jahre 1989. Sie sieht aus wie die Fahrkarten, deren Druck die Deutsche Bundesbahn schon lange zuvor eingestellt hatte. Alles Sachen, die von "der guten alten Zeit" künden Lange und nachdenklich sehe ich mir das alles an und stelle mir die Frage: Wie war das damals eigentlich? Wo sind meine Wurzeln, wo komme ich her, und wo gehe ich hin?

Diese Szene spielt sich in einer Altbauwohnung ab, die eigentlich recht schön ist und keinen Grund zur Klage bietet: Die Schlafzimmereinrichtung Ton in Ton, geräumig genug ist sie auch; es gibt genug vernünftige Radwege, schöne Altstadt, und die Nachbarn sind auch ganz ok - na gut, eine der Frauen gehört stets der Etepetete-Fraktion an, aber das kenne ich von Kindesbeinen an nicht anders. Ein schön eingerichtetes Wohnzimmer, das auch architektonisch seinen ganz eigenen Reiz hat: stark asymmetrisch, so dass eine Mulde entsteht, die etwas breiter und etwas weniger tief ist als das Sofa. Der Freiraum unmittelbar daneben ist also so knapp bemessen, dass "man sich darin nicht verlaufen kann", obwohl das Zimmer zum Fenster und zur Tür hin breiter ist. Das vermittelt eine ganz eigene Art von Gemütlichkeit*. Ich werde diese Wohnung vermissen, falls ich mal dort ausziehen sollte.

Darin eine in sich stimmige Einrichtung, die zur Hälfte aus einem Nachlass stammt und von ihrer Machart an Poorbutloudingen erinnert, vergleichsweise moderne Fenster mit sienafarbenen, sicht- und fühlbar gemaserten Rahmen. Die Türen erinnern an mein Geburtshaus, während es dort, wo Vater und ich - ich bin Scheidungskind - vor zehn, zwanzig Jahren wohnten, nichts als Raufasertapeten gab. Inzwischen sind wir beide umgezogen und haben unsere Wohnungen mit Tapeten aufgelockert, deren Ton-in-Ton-Struktur an Seide oder Perlmutt erinnert, wie die ähnlich gemusterte, aber auf halbmattem Papier gedruckte Tapete von Poorbutloudingen. Wie damals haben wir auch die Schönheit der Natur ganz in der Nähe. Und doch war damals irgendwie alles anders."

Dann wäre ich auf Szenen aus meinem Geburtsort zu sprechen gekommen, und erst ziemlich zum Schluss auf Dinge, die meinen Blick auf andere Zeiten lenkten. Übrigens: Siena (sprich Sjäna) ist die Heimatstadt von Gianna Nannini (wieder eine Persönlichkeit aus meiner Poorbutloudinger Zeit!), und in deren Umgebung hat der Erdboden eine rotbraune Farbe mit leichter Tendenz ins Violette, natürlich nicht so ausgeprägt wie bei Auberginen, sondern "holziger". Deshalb heißt dieser Farbton, der auch für Holzlasuren verwendet wird, Siena.

Im Prinzip ist Poorbutloudingen nichts besonderes. Nicht gerade ein Dorf, aber natürlich auch weit von allem entfernt, was man als Großstadtflair bezeichnen könnte. Halt ein Stadtteil inmitten einer Gemeinde, die doppelt so groß ist wie Isny. Nur dass sich seit Poorbutloudingen vieles geändert hat, sowohl für mich ganz persönlich als auch unsere Welt ganz allgemein betreffend. Und natürlich hängen an Poorbutloudingen viele schöne Erinnerungen dran. All dies verschmilzt dann vor meinem inneren Auge zu einer untrennbaren Einheit, die mich zu dem Post trieb:

Zitat:
Zitat von poor but loud
Berlin, München, Hamburg - alles kalter Kaffee! :zebrakaeffchen: :zebrakaeffchen: :zebrakaeffchen: Am schönsten ist es doch in Poorbutloudingen! :zebraprost: :sonjyfloet: :schnuller
Und Pinkus Miller antwortete darauf:
Zitat:
Zitat von Pinkus Miller
Ach poor, nimm mich mit dahin!!! 8-)
*Auch hierzu habe ich noch kein Bild zur Hand. Kommt vielleicht noch!
poor but loud ist offline  
Alt 07.09.2006, 14:23   #24
poor but loud
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Erwachsen zu sein heißt ja auch, Verantwortung zu übernehmen und sich um dies und jenes zu kümmern. Während der Durchschnittsangestellte um 12:45 zu Tisch geht, tat ich dies als Schulkind gerade mal 50 Minuten später daheim. Dafür nimmt man Fünfeindrittel-Tage-Woche und Hausaufgaben gern in Kauf. Kein Abwasch und kein Nichts - oder, um genau zu sein, vielleicht alle 3 Tage in der Küche und alle 4 Wochen bei der Gartenpflege helfen.

Jenseits der 30 scheint das Leben manchmal nur noch aus Routine zu bestehen. Deshalb hat fast jeder den Eindruck, die Jahre seien früher nicht so schnell vergangen wie jetzt. Ein Wiedereinstieg in den Beruf würde mir ganz gut tun. Am liebstsn natürlich mit einer Tätigkeit, deren Sinn man verstehen kann, in einem Betrieb, dessen Tätigkeit für die Meschen von Nutzen ist und der das Potential seiner Mitarbeiter kennt. Wer möchte schon sein ganzes Leben damit verbringen, irgendeinem Trampel die Taschen zu füllen, nur weil der einem ein paar Euro abgibt?

Einige besonders hübsche Häuser von Vaters Modelleisenbahn habe ich mir vor ein paar Jahren auch mal genauer angesehen und daraus meinen eigenen architektonischen Entwurf kreiert; vielleicht male ich das mal ins Reine und stelle die Bilder ein. Nach diesem Zeitpunkt wuchs dann mein Interesse an den alten Familienalben, und ich studierte meine Vergangenheit. Die Erinnerung an Abituringen stellte sich erneut ein, und erst recht an Poorbutloudingen. Unterm Strich gefiel mir Poorbutloudingen dann am besten.

Hier hängen einfach die meisten schönen Erinnerungen dran, und bei den Ausflugszielen liegt Poorbutloudingen ebenfalls vorn. Die tiefsten Freunschaften hatte ich als größeres Schulkind in Poorbutloudingen zu Beginn der Achtziger. Na ja, später hatte ich noch die Band und ein paar Kumpels aus befreundeten Bands, aber es war stets so, dass sich rund 2 Jahre nach dem Kennenlernen unsere Wege trennten. An meinem jetzigen Wohnort ist der Altersdurchschnitt recht groß. Eine Innenstadt-Diskothek, zumal ohne Nachtbusanbindung, nehmen nur noch 5 oder 10 % meiner Alterskameraden in Anspruch; der Rest mischt sich mangels Alternativen unter die Bierzeltmusik-Konsumenten. Freunde im Sinne von Kumpels zu finden ist hier nicht so leicht. Männliche Singles in meinem Alter gibt es hier kaum. Die Paare sind deutlich älter, in Ausnahmefällen auch deutlich jünger. Wie ist es mit dem gleichaltrigen Familienvater, der eine Wochenendbeziehung führt? Das Dumme ist: Sie lebt in meiner Nähe, er dagegen nicht.

Und wenn ich mit dem Fahrrad meine heutige Umgebung erkunde, stoße ich immer wieder mal auf landschaftliche Formationen, die mich an meine Kindheit und Jugend erinnern, an Poorbutloudingen und an meine frühen Abituringer Jahre. Im Spätsommer 2005 habe ich wieder geradelt und am strahlend blauen Himmel Kondensstreifen entdeckt, die ziemlich genau einen Stern formten. Man könnte sich fragen, ob es überhaupt noch etwas Banaleres auf der Welt gibt. Man könnte sich aber auch fragen, ob es wirklich etwas Schöneres gibt.

Ich befand mich an jenem Spätsommertag 2005 auf einem betonierten Feldweg, keine hundert Meter vom parallel verlaufenden Bahndamm entfernt. Das erinnerte sehr an die Landschaft zwischen den Stadtteilen Abituringens, die ich um 1985 mit meinem Vater erkundete, nur dass die Betonplatten Segmente waren und mehr Bäume drum herum standen. Und diese Landschaft wiederum erinnnerte wiederum an das, was ich beim Durchqueren eines Wäldchens zu sehen bekam, als wir gegen Ende meiner Poorbutloudinger Zeit Urlaub an der Nordsee machten.

Und diesen Frühling oder Frühsommer habe ich dann mal einen anderen Teil meiner Umgebung erkundet. Es ging vorbei an weiß verputzten Hausfassaden mit sienafarbenen Holzverkleidungen, vorbei an Häusern mit rustikalem Balkongeländer in derselben Farbe, vorbei an einem Holzhaus mit irgendwelchen weiß-grün gestreiften Teilen im Frontbereich dran, das schon eher an ein Dorf in den Bergen erinnerte. Und gleich dahinter, direkt an den Gleisen, ein Gebäude, das an ein Wirtschaftsgebäude, Stellwerk oder was auch immer erinnerte und das aus Osteuropa oder der Schweiz oder sonstwoher stammen könnte. Eine Gegend, wo mich Landschaft und Architektur an einen lange zurückliegenden Urlaub erinnerten. Ich kann aber beim besten Willen nicht sagen, ob das nun Wangen im Allgäu (wo Yasmin-Eileen zur Schule geht; wohnen tut sie ja im schon erwähnten Isny) sein soll oder vielleicht das Bukarester Umland zur Zeit der Diktatur.

Das Dorf lief zu meinem Heimatort hin in einer schmalen "Landzunge" aus, die parallel zu den Gleisen verlief und von diesen durchquert wurde. Da ich aber nicht mit dem Zug kam, bekam ich diese "Landzunge" in Querrichtung zu sehen. Vor mir der beschrankte Bahnübergang. Ein Zug fuhr vorbei. Das Öffnen und Schließen der Schranken geschah ferngesteuert - eigentlich selbstverständlich, aber jetzt wurde mir bewusst, dass das nicht schon immer so war. Am Bahnübergang von Poorbutloudingen war um 1975 noch ein Schrankenwärter beschäftigt. Und deswegen gab es da auch ein Schrankenwärterhäuschen. An meinem jetzigen Ausflugsort gab es schon lange kein Schrankenwärterhäuschen mehr Hier war alles menschenleer. Nur gelegentlich tauchte ein Passant - wie ich - oder eben ein Zug auf.

Dicht hinter den Gleisen beginnt auch schon der mit Wald bewachsene Hügel. Das vermeintliche Stellwerk, das an dieser Strecke keinen Sinn ergeben hätte, entpuppte sich als Lagerungsgebäude einer landwirtschaftlichen Genossenschaft, wirkte aber ziemlich verlassen und irgendwie leicht altertümlich. Das sienafarbene Äußere, das man auf den ersten Blick für Holz halten könnte, war aus Blech. An der Fassade ruhte eine riesige stählerne Rolle in den Farben des Verfalls: flächendeckend verrostet. Und dicht dahinter dann das Grün von Wald und Flur. Erstaunlich und schon beinahe rührend, wie harmonisch sich von Menschenhand geschaffene Gebilde, die uns schon vor 30 Jahren vertraut waren, in die Farben der Natur einfügen.

Hier endet mein literarischer Ausflug für heute, denn auch in natura kehrte ich an diesem Punkt um. Mittlerweile habe ich mich auch in "Tolle Gegenstände-tolle Geschichten" verewigt. Da steht dann ganz genau drin, wie meine Poorbutloudinger Habseligkeiten in die Papiertüte kamen.
poor but loud ist offline  
Alt 13.09.2006, 14:24   #25
poor but loud
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Gestern bin ich noch mal in den Ort mit dem Lagerhaus gefahren und habe ihn komplett durchquert. Auf dem Rückweg kam schon wieder ein Zug vorbei.

An landschaftlichen Formationen, die mich an früher erinnerten, wäre konkret die eine oder andere Blumensorte zu nennen. Ich erinnerte mich wieder an den weißen und rosa Klee, der sich in Poorbutloudingen auf unserem Rasen einnistete. Außerdem bog von der Hauptstraße ein landwirtschaftlicher Weg spitzwinklig ab und führte steil bergauf. Sowas habe ich noch aus dem Abituringer Umland in Erinnerung.

In der Umgebung dieses Ortes steht auch der alte Funkturm, dessen Radiosignale bis Poorbutloudingen reichten. Wir haben damals als Schulkinder regelmäßig die Radiohitparade verfolgt.

Inzwischen habe ich noch mal in den alten Fotoalben nachgeschaut. Ich wohnte noch in meinem Geburtsort. Von dort aus bereisten wir einmal meine alte Großtante, und auf einem Bild sieht man sie in ihrem Wohnzimmer. Auch der ausgeschaltete Fernseher ist zu sehen. Auf keinem anderen Foto habe ich einen dermaßen altertümlichen Fernseher gesehen. Oberseite und Kanten sind im Gegensatz zu unserem Röhrenradio nicht abgerundet. Und das war 's auch schon. Kein zweiter Hinweis darauf, dass wir den Jahreswechsel 1959/60 schon hinter uns haben. Der vordere Rand ist "nach innen gekehrt", quasi der Mantel eines nach innen gerichteten vierseitigen Pyramidenstumpfes, und in diesen ist eine Bildröhre mit ungewöhnlich stark abgerundeten Seiten eingesetzt. An dieser Stelle saß bei unserem Radio der Lautsprecher-Bespannstoff; hier sitzt der Lautsprecher in einer Seitenwand. Der vordere Rand des Gehäuses ist wie bei unserem Radio mit falschem Blattgold bezogen. Unten links und unten rechts sind 2 Drehknöpfe eingebaut, und die Drucktasten aus elfenbeinfarbenem Kunststoff sitzen in der Mitte des unteren Randes und werden nicht nach hinten, sondern nach unten eingedrückt. Auch dies ist bei unserem alten Radio so.

Bald darauf war die Tante tot, und eine meiner Großmütter, die nicht allzu weit von meinem Geburtsort entfernt wohnte, starb noch vor ihr. Und nun stehen meine Schwester und ich an Omas Grab.

Rund ein Jahr später zogen wir in Poorbutloudingen ein, und seitdem habe ich das Grab nie wieder gesehen.

Zu Beginn dieses Threads sprach ich davon, wie ich um 1990 in Abituringen wohnte und mit dem Fahrrad an Poorbutloudingen vorbei fuhr. Auf meinen Wanderkarten habe ich inzwischen den damaligen Wegeverlauf rekonstruiert:

Die Hälfte der Hauptstraßen mutierte irgendwo zu einem Feldweg. In den frühen Achtzigern, als ich die Mittelschule besuchte, musste ich auf dem Heimweg erst in Richtung Kirche, parallel zur Hauptstraße, laufen und dann in Richtung Elternhaus abbiegen. Lief man dagegen von Anfang an parallel zu jener Straße Richtung Elternhaus, so hatte man einen Matschweg vor sich. Dann kreuzte man die Hauptstraße an einem Punkt, an dem sie bereits zum Feldweg mutiert war. Diese Strecke haben wir mal anlässlich eines Wandertages beschritten. Läuft man nun im Zickzack - erst ortsauswärts, weg von Elternhaus und Schlittenpiste, und irgendwann später wieder in der ursprünglichen Richtung -, so kommt man auf jenen Waldweg (denn im Wald sind wir längst), der zum Aussichtsturm, der ja leider nicht mehr begehbar ist, führt. Geht man dagegen an der letzten Abzweigung geradeaus weiter, so kommt man zum Kletterfelsen.

Damals, um 1990, kam ich vom Kletterfelsen aus auf den Ort zugeradelt und bog in Richtung Aussichtsturm ab. Auf den neuesten Karten ist der Matschweg von anno dünnemals inzwischen zu einer Straße ausgebaut.

Was war noch so los in meiner Abituringer Zeit?

Abituringen besteht aus einem Altbaugebiet und einem Neubaugebiet. Schon das Neubaugebiet, in dem wir damals wohnten, ist weniger weltstädtisch als das beschauliche Poorbutloudingen, das Altbaugebiet sogar regelrecht bäuerlich geprägt. Die beiden Gebiete liefen spitzwinklig aufeinander zu und waren nur an einer einzigen Stelle miteinander verbunden; dazwischen war Ackerland, das schließlich dem Wald Platz machte. Die verbindende Straße und der Wald lagen sogar auf abschüssigem Gelände. Der einzige Frisiersalon war ein für meine Begriffe billig-altertümelnd aufgemachter Kleinstadtsalon, und der Meister war wie die Dorffriseure aus längst vergangenen Zeiten ein Mann. Für mich bedeutete der Gang zum Friseur, stadtauswärts am Rande des Altbaugebiets gelegen, einen recht ordentlichen Fußmarsch.

Die SB-Lebensmittelkette, die damals Filialen in Poorbutloudingen hatte, war zu jener Zeit auch noch in Abituringen und an Mutters damaligem Wohnort vertreten. Die beiden letzten Niederlassungen gibt es inzwischen nicht mehr. Die Niederlassung in Abituringen war wirklich nicht mehr als ein Selbstbedienungsladen: ganze zwei Gänge in Längsrichtung, schon mehr Tante-Emma-Laden als Supermarkt. Sie wurde bald nach unserem Einzug geschlossen. Einige Zeit danach eröffnete dort eine recht junge Friseurmeisterin ihren Salon und gab ihm einen leicht pannebratsch klingenden Firmennamen, den sie jedoch bald darauf modernisierte.

Wir steuern nun auf die zweite Hälfte der Achtziger zu, und an dieser Stelle kommt wieder das Thema Lautsprecherselbstbau ins Spiel. Der boomte damals; meine ersten Selbstbauboxen sind fertig, und die Funkschau, damals eines der wichtigsten Elektronik-Magazine, stellte um 1985 zwei Lautsprecherbausätze vor. Auch Vertriebe von Einzelchassis inserierten dort. Fast jedes Chassis hatte einen schwarzen Befestigungsflansch. Stereoplay und das Elektronik-Magazin ELO und arbeiteten ab 1986 einige wenige eigene Bausätze aus. 1987 entstand dann endlich ein Presseorgan, das sich auf dieses Thema spezialisierte. Gestern stöberte ich in einem Heft aus jener Zeit und war erstaunt, wie sehr die Bausätze der damaligen Inserenten meinem aktuellen Entwurf ähneln. Schon damals gab es etliche Bausätze, die ausschließlich Chassis mit runden Frontplatten verwendeten, wie es bis heute Mode ist. Insofern moderner als mein eigener Entwurf. Noch erstaunlicher: Die Membranen von Kalottenhochtönern und die Staubschutzkappen von Konuschassis waren in seltenen Fällen schon invers, also konkav, sprich nach innen gewölbt, wie bei den beiden größeren der von mir eingeplanten Chassistypen. Lediglich Mitteltonkalotten waren zwingend konvex, während ich heute auf eine Kreuzung zwischen Konus- und Kalottenmitteltöner (rückseitig offen, Membrane und Staubschutzkappe werden durch eine einzige Inverskalotte ersetzt, Schwingspule ca. 1/3 des Membrandurchmessers) ausweiche. Vielleicht ist mein aktuelles Projekt ein Resümé unter diese Zeit. Ich erinnerte mich beim Durchstöbern der Zeitschrift wieder an ein paar Fotos, die ich damals geschossen hatte, und wollte sie mir noch mal ansehen, also nahm ich das entsprechende Album zur Hand.

Heute vor 20 Jahren ging ich zur Schule, denn die Sommerferien waren vorbei. In den Sommerferien waren wir noch einmal an der Nordsee und liefen dort ein paarmal jenen betonierten Waldweg entlang, den ich in meinem vorherigen Post beschrieben habe. Damals hatte ich noch die Kompaktkamera, die ich mir gegen Ende meiner Poorbutloudinger Zeit gekauft hatte. Ich muss sie fast auf den Tag genau vor 20 Jahren meinem Bruder geschenkt haben, denn kurz darauf weihe ich bereits die Wechselobjektive meiner Spiegelreflexkamera ein.

Inzwischen haben wir den 4. Oktober 1986. Es ist der 29. Jahrestag des Starts von Sputnik I, mit dem das Raumfahrtzeitalter begann. Ob ich damals, als meine Weltraumbegeisterung ihren Zenit überschritten hatte, daran gedacht hatte? Auf jeden Fall war Samstag, und ich hatte keine Schule und hätte lange schlafen können. Tat ich aber nicht: Noch vor 9 Uhr morgens montierte ich das 135-mm-Objektiv an meiner Kamera und fotografierte die Wolken über dem Dach des Nachbarhauses. Es war eine dichte Wolkendecke in weiß mit bräunlichen Schlieren, die sehr unruhig wirkte. Erinnert an Bilder von der Sonnenoberfläche. Die obersten Dachziegel kamen noch mit aufs Bild, und dicht darüber war die Wolkendecke heller als drumherum, weil die Sonne vergeblich versuchte, hindurchzugrinsen. Gleichsam wie ein Diaprojektor oder Filmprojektor - die Tage der letztgenannten Gerätegattung waren allmählich gezählt - erhellte sie eine pergamentartige Leinwand von hinten.

Da ich keine Schule hatte, nutzte ich diesen Samstag für eine Radtour in das Abituringer Umland, wo auch ein schwaches Weitwinkelobjektiv mit 35 mm Brennweite zum Einsatz kam. Schöner als die Ergebnisse dieser Fotosafari finde ich aber die Bilder von 1987 und die Bilderserie von Ende Juni/Anfang Juli 1988, die direkt in Abituringen entstand: ein Blick über die Dächer in unserer Straße, die letzte Häuserreihe vor der talwärts führenden, bewaldeten "Landzunge", und das Abendrot über Wald und Feldern auf der anderen Seite des Neubaugebiets.

Geändert von poor but loud (13.09.2006 um 16:00 Uhr)
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Alt 13.09.2006, 16:00   #26
poor but loud
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Aber dieser Wald war ein bisschen kümmerlich Und inzwischen ist mir noch ein zweiter Aspekt aufgefallen, der in Poorbutloudingen besser war: Wir hatten in Abituringen einen Garten, dessen Gehwege mit Kieselplatten belegt waren, und einen Vorgaten mit den verschiedensten Pflanzen. Der Garten war kleiner als an Vaters heutigem Wohnsitz, und deshalb beinhaltete er auch keinen Rasen, auf dem man herumtollen konnte. Es gab lediglich die kleine Privatstraße, um die die Häuser herum gruppiert waren. In Poorbutloudingen dagegen stand das Haus in Hanglage, und das Erdgeschoss befand sich oberhalb der Ebene des Rasens. Statt einer Terrasse hatten auch die Erdgeschossbewohner einen Balkon, und darunter, hinter dem Haus, befand sich ein riesiger Rasen zum Herumtoben. An der Seitenwand des Gebäudes dann die Garagen. Und da man beim Ausparken abbiegen musste, war der Hof sicher doppelt so breit wie unsere spätere Privatstraße. Die richtige Umgebung, um ein Kind unbeschwert aufwachsen zu lassen. Ach, könnte ich doch wieder dort sein! :heulen: :heulen: :heulen: :heulen: Wie gern würde ich dort bis ans Ende meiner Tage hausen.
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Alt 25.09.2006, 18:16   #27
poor but loud
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Irgendwie ist das schon seltsam, wie sich die Mode manchmal im Kreis dreht. In den Siebzigern waren Lautsprecherkörbe gelblich chromatiert (oder - was ähnlich aussieht - galvanisch verzinkt), während die besseren - und teureren - Exemplare in mattiertem Alu-Finish daherkamen. Die Deutsche Bundesbahn hatte viele Großraumwagen im Einsatz, in denen man sich gegenüber sitzt, mit einer silbrigen Außenhaut. Die kunstledernen Sitzbezüge waren rötlich. Lokomitiven und Triebwagenzüge waren dagegen in bordeaux lackiert.

Als Pinkus Miller und meine Halbschwester zur Welt kamen, hatten sich schwarz lackierte Lautsprecherkörbe in allen Preisklassen nahezu konkurrenzlos durchgesetzt, und die Loks wurden in der Farbkombination creme-türkis lackiert. Die Sitzbezüge wurden durch robusten Stoff in Blau- oder Grüntönen ersetzt. Rot- und Silbertöne wirkten wie ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten. Übrigens irgendwie ein komisches Gefühl, dass die Leute, die dasselbe Forum besuchen wie ich, einen Großteil meines Lebensweges nicht miterlebt hatten, weil sie damals gerade erst zur Welt kamen. Oder Leute, die dieselben Personen wie ich mit "Mama" und "Papa" anreden. Oder Leute, mit denen ich zusammenarbeite und die im Büro fast dieselben Handgriffe machen wie ich.

Zurück zur Mode. Heute sind silbrige Lautsprecherkörbe wieder gefragt. Und gestern habe ich den Ort mit dem Lagerhaus erneut befahren und habe dort eine kleine Rundfahrt unternommen. Dabei kam ich an Häusern aus der Gründerzeit vorbei und an Häusern, die eine Generation später - um die Jahrhundertwende - gebaut wurden. Der Bahnhof gehörte auch dazu. Die Reichspost und spätere Bundespost, die bis vor wenigen Jahren von der Deutschen Post AG weitergeführt wurde (bevor auch hier das Postgeschäft zwischen Kaffeebohnen, Lottoscheinen und Schlafanzügen dazwischengestopft wurde), war zwar noch eine Generation jünger, wurde aber, wie es zu Beginn der Nazizeit Brauch war, optisch den älteren Bauten angeglichen.

Ich fuhr zurück zum Ortseingang, überquerte den Bahndamm und fuhr erneut ortseinwärts, gewissermaßen im Zickzack. Als ich auf der Höhe des Bahnhofs angelangt war, erblickte ich einen geparkten Dieselzug. Ohne Diesel geht hier gar nichts, denn die Oberleitungen enden bereits einige Kilometer vor meinem Wohnort. Eine große Diesellok vom Typ 218 setzte sich nun in Bewegung und schob den Zug an. Die Waggons ähnelten den alten Großraumwagen, hatten aber längst blaue Stoff-Sitzbezüge. Aber was das Entscheidende war: Alle Fahrzeuge waren fast flächendeckend in einem mittleren Rotton lackiert!

Schon komisch. :d
poor but loud ist offline  
Alt 29.09.2006, 21:08   #28
poor but loud
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Zitat:
Zitat von poor but loud
Inzwischen haben wir den 4. Oktober 1986. Es ist der 29. Jahrestag des Starts von Sputnik I, mit dem das Raumfahrtzeitalter begann. Ob ich damals, als meine Weltraumbegeisterung ihren Zenit überschritten hatte, daran gedacht hatte? Auf jeden Fall war Samstag, und ich hatte keine Schule und hätte lange schlafen können. Tat ich aber nicht: Noch vor 9 Uhr morgens montierte ich das 135-mm-Objektiv an meiner Kamera und fotografierte die Wolken über dem Dach des Nachbarhauses. Es war eine dichte Wolkendecke in weiß mit bräunlichen Schlieren, die sehr unruhig wirkte. Erinnert an Bilder von der Sonnenoberfläche. Die obersten Dachziegel kamen noch mit aufs Bild, und dicht darüber war die Wolkendecke heller als drumherum, weil die Sonne vergeblich versuchte, hindurchzugrinsen. Gleichsam wie ein Diaprojektor oder Filmprojektor - die Tage der letztgenannten Gerätegattung waren allmählich gezählt - erhellte sie eine pergamentartige Leinwand von hinten.
Inzwischen bin ich von meinem Abendspaziergang zurück. Als ich losging, dämmerte es. Gegen 20 Uhr kam ich an einem Punkt vorbei, von dem aus man die Burg sehen kann.

Sie erstrahlt in bernsteinfarbenem Licht. Hinter ihr wieder eine sehr unruhig wirkende Wolkendecke. Der Himmel hat eine taupe-artige Grundfarbe, viel dunkler und grauer als himmelblau. Obwohl, Taupe eigentlich auch nicht, irgendwie Saphir, aber nicht annähernd so leuchtend. Eine ganz eigentümliche Farbe. Innerhalb der Wolken sieht man keinerlei Zeichnung mehr. Sie haben einen Farbton zwischen marine und anthrazit.

Die Sonne - oder vielmehr das, was vom Sonnenuntergang noch übrig geblieben ist, also das letzte bisschen Tageslicht - scheint wieder die Wolken von hinten an, denn Westen liegt hinter der Burg. Die übrigen Himmelsrichtungen zeigen keine Wolken mehr, sondern einen entsprechend dunkleren, eben marinefarbenen Himmel.

Ich betrachte die Burg in Ruhe. Irgendwie erinnert sie mich an früher. Sowas hatte ich doch schon einmal gesehen! Ja richtig, die Wachenburg im Odenwald. Dorthin bin ich als Schuljunge mal mit meinem Vater gereist. Das muss wohl 1979 gewesen sein. Wir befanden uns auf einem waldbewachsenen Berg, vor uns die Tiefe, und auf dem gegenüberliegenden Hügel die Burg. Es dämmerte bereits.

Auch die Farben erinnern mich an früher. Dieser Himmel! Es muss ein Farbton gewesen sein, wie man ihn auf alten Postkarten findet und auf neueren Drucken nicht mehr. Wo hatte ich das doch gleich gesehen? Ja, richtig, so ähnlich sah doch damals auf den Postkarten das Meer aus! Ein irgendwie viel zu stumpfes Wasserblau! An die 35 Jahre ist das schon her. Wir hatten uns gerade in Poorbutloudingen niedergelassen und eingelebt und nun zum ersten Mal von dort aus eine Urlaubsreise angetreten. Es ging an die Nordsee, und mit Postkarten voller Meereswellen, Seehunde, Muscheln usw. kehrten wir zurück.

(Aber auch die spanische Badebucht, an der ich vor Jahren fotografiert habe, hat richtig schöne Farben geliefert; da war das Wasser zweifarbig - etwa türkis und marine - und an den dunkelsten Stellen in etwa mit dem Himmel über der Burg vergleichbar, nur eben leuchtender.)

Ich näherte mich wieder der Hauptstraße, und die Burg verschwand hinter den Bäumen. Die Tagesschau war noch in vollem Gange, und doch scheint die Dämmerung vorüber und die Nacht eingetroffen zu sein: ringsum marine-grauer Himmel ohne jegliche Zeichnung.

Noch einmal denke ich über die Wolken nach, die nun nicht mehr zu sehen sind. Da fällt mir ein, dass die Wolkenformation eine ähnliche war wie damals am Jahrestag des Sputnik-Starts und dass die Wolken von hinten angestrahlt wurden.
poor but loud ist offline  
Alt 17.10.2006, 00:30   #29
poor but loud
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Vorhin bin ich wieder spazieren gegangen, dieselbe Route wie in meinem letzten Post. Es dämmerte bereits, war aber noch relativ hell. Der Himmel hatte jetzt eine blaugraue Farbe, die am Horizont, also dicht an der Erde und ihren Lichtern, heller wird und gelbgrün verfärbt erscheint. Auch für die Illumination der Burg ist Geld da. Ansonsten keine besonderen Vorkommnisse.

So, die vier kleineren Mitteltöner und die Hochtöner sind mittlerweile auch eingetrudelt. Die Mitteltöner sind sogar magnetisch geschirmt. Man kann den ganzen Karton (fast) direkt über den Fernseher stellen, ohne dass sich das Bild verfärbt. Hab 's mal spaßeshalber ausprobiert. Bei den übrigen Chassis sieht es diesbezüglich etwas schlechter aus. Ein quadratischer Center von der Größe eines Fernsehers (ca. 50 x 50 x 30) wäre aber mit den Chassis, so wie sie sind, technisch möglich, je nach Bildröhre - manche reagieren da etwas empfindlicher. Details unter http://www.lovetalk.de/showthread.ph...88#post1668588. Die gelbliche Metallbeschichtung, die ich in meinem vorletzten Post erwähnte, findet sich übrigens auch auf den Abschirmkappen.

Übrigens, die Teile sehen richtig gut aus! Die kleineren Mitteltöner haben seidenmatte Alu-Membranen, die aus einem Stück bestehen, also ohne zum Schluss aufgeklebte Staubschutzkappe. Also fast so eine Oberfläche wie bei HiFi-Geräten mit gebürsteter Aluminiumfront (vornehm geht die Welt zugrunde :3d, nur noch feiner. Auch die Fasermembranen der größeren Mitteltöner haben eine ziemlich feine Oberflächenstruktur, die durch eine Polymer-Beschichtung noch glatter und beinahe hochglänzend wird, glänzender sogar als die Metallmembranen.

Fehlen noch Tieftöner, Frequenzweichen und Gehäuse. Die Tieftöner haben wie gesagt wieder recht aluminiumreiche Membranen, aber mit aufgeklebter inverser Staubschutzkappe und offenbar glatter Oberfläche. Zusammen mit dem runden Korb sieht das aus wie bei einer Canton Ergo 609 DC.
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Alt 13.11.2006, 01:22   #30
poor but loud
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Übrigens, auf http://www.lovetalk.de/showthread.ph...6&page=5&pp=13 habe ich mich mal über den Lautsprecherselbstbau ausgelassen. Im dritten Post geht es sogar um die Boxen, die ich vor mehr als 20 Jahren baute. Das damalige Konzept und die seinerzeit verwendeten Teile haben sich eigentlich überlebt, aber mit ein paar technisch sinnvollen Änderungen und mit etwas Stöbern nach 13 Jahre alten Chassis lässt es sich noch wiederbeleben. Unter Verzicht auf die insektenflügelhaft schimmernden Tieftönerkörbe kann man das ganze sogar zu einer ganzen Produktfamilie ausbauen; Genaueres im besagten Thread. Das Modell, das unmittelbar unterhalb der vorhandenen Boxen angesiedelt ist, sieht in etwa so aus:

http://img106.imageshack.us/img106/4840/spirityc7.jpg

Übrigens hat in der weiteren Umgebung von Poorbutloudingen auch die Lautsprecherindustrie ihre Zelte aufgeschlagen. Zwar gibt es keinen spezifisch Poorbutloudingen-haften Stil und erst recht keine Boxen, die den Geist von Poorbutloudingen atmen, wohl aber den Geist jener Zeit, die für mich in Poorbutloudingen stattfand. Und da es eine Propellermaschine vom Typ Spirit of St. Louis gab und ich gerade "Geist von Poorbutloudingen" sagte, stand der Name für dieses Projekt schnell fest: Spirit of Poorbutloudingen! Als Herstellerbezeichnung müsste ich eigentlich "Poor but loudspeakers" verwenden :schnuller :d :aetsch:

Ich habe sogar ein paar Germaniumtransistoren und einen seilgetriebenen Doppel-Drehkondensator ergattern können. Letztere waren eine ganze Generation lang, bis nach meinem Auszug aus Poorbutloudingen, unverzichtbarer Bestandteil eines jeden besseren Radios, ob Röhrenradio, Küchenradio, Wohnzimmerradio, Ghettoblaster oder HiFi-Tuner. Lediglich bei Taschenradios verzichtete man auf diese komplizierte Mechanik und die mit ihr verbundene Einstellgenauigkeit. Ein Buch zum Röhrenverstärkerselbstbau sowie einen Lautsprecher aus einem alten Röhrenradio besitze ich auch. Eigentlich müsste ich auch mal in dieser Richtung etwas zusammenbauen.

Der Lautsprecher hat sogar eine hinterlüftete Zentrierspinne. Kaum zu glauben, dass es das damals schon gab.
poor but loud ist offline  
Alt 13.11.2006, 01:22 #00
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Hey poor but loud, egal wie gross deine Sorgen auch sein mögen, mir hilft es immer nach draußen zu gehen und den Grill anzuwerfen. Grillen ist Entspannung pur. Ob nun ein deftiges BBQ oder ein einfach mariniertes Schweinesteak. Am Grill kann ich alle Probleme vergessen. Du hast noch keinen Grill? Bei der Telekom kannst du aktuell am Angrillen 2019 Gewinnspiel mitmachen und entweder einen Beefer oder ein Keramik Ei gewinnen. Wer von uns gewinnt lädt den anderen ein ;-)
 

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