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Alt 05.01.2017, 07:10   #1
Abnormal
Member
 
Registriert seit: 10/2009
Beiträge: 53
Umgang mit Demenz?

Guten Morgen,
ein etwas großes Fass was ich hier aufmache, aber ich gehe das Risiko mal ein
Worum es geht kann man ja schon aus dem Titel entnehmen - durch ein Praktikum in einem Altersheim ging mir das Thema schon ein wenig im Kopf herum. Ich habe bis dahin eigentlich immer die Meinung vertreten das so viel Selbstbestimmung wie irgendwie geht sein sollte - in der Konsequenz hiess das zB das ich mich darauf verlassen habe das die Salbe die mir ein Klient für sein Bein gibt eben auch die korrekte Salbe ist. Unnötig zu sagen das es die falsche Salbe war. Geht eigentlich gar nicht, weiß ich selbst, ist zum Glück aber nichts weiter passiert.
Aber das nur als Beispiel zur Veranschaulichung.

Wieviel Selbstbestimmung ist für euch ok und wieso? Ich habe durchaus auch Meinungen gehört das man Menschen die sich nicht die Zehennägel schneiden lassen wollten dann eben zwingen müsse (weil sie einfach viel zu lang waren, nicht nur ein bisschen). Klar kann man die Leute nicht mit aufgerollten Zehennägeln herumlaufen lassen (besagter Mann war damals aber noch nicht im Heim), andererseits ist er, verdammt nochmal, erwachsen, und hat ein Recht darauf auch so behandelt zu werden...

Ich weiß nicht wirklich was ich davon halten soll. Beides scheint mir irgendwie "falsch" , um es krass auszudrücken.

Das Thema hat natürlich noch mehr Dimensionen, das kann man auch gerne hier diskutieren.
Es geht mir auch um den Umgang mit Demenz ganz generell, eure Erfahrungen, vielleicht gibt es andere Praktikanten aus Altersheimen oder ähnliches.

Liebe Grüße fürs Erste,
Christina alias Abnormal
Abnormal ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 05.01.2017, 07:10 #00
Verbraucherinformant

Registriert seit: 21.08.2005
Ort: Litfaß
Beiträge: 4692

"iPhone7 Gewinnspiel"
Alt 05.01.2017, 12:25   #2
YeOldeFerret
Golden Member
 
Registriert seit: 10/2009
Ort: Hessen
Beiträge: 1.082
Menschen mit schwerer Demenz sind nicht mehr in der Lage, ein selbstbestimmten Leben zu führen. Von daher ist es nur die logische Konsquenz, das ein Vormund bestimmt wird und die Leute "professionel" geführt werden.

In deinem Beispiel mit der Salbe fehlt mir jetzt etwas der Wissenhintergrund. Handelete es sich hierbei um einen Demenzpatienten? Weil in so einem Fall wäre es eventuell schon fahrlässig, nicht selbst nachzuschauen.

Ich persönlich bin natürlich stolz auf mein Selbstbestimmungsrecht, ich bin aber geistig nicht eingeschränkt und auch nicht krank. Aber ich habe Menschen in meinem Umfeld, die leider nicht mehr selbst Herr ihrer Sinne sind. Das ist natürlich sehr traurig, aber nicht heilbar.

Was genau empfindest du denn als "falsch"?
YeOldeFerret ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 05.01.2017, 18:22   #3
HW124
Special Member
 
Registriert seit: 07/2010
Ort: Am Rande der Lüneburger Heide
Beiträge: 7.170
YOF, genau so isses. Leider.
HW124 ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 05.01.2017, 20:30   #4
Manati
Seekuh.
 
Registriert seit: 04/2012
Ort: Nirgendwann.
Beiträge: 6.192
Wenn ein Mensch dement ist, muss man bestimmte Entscheidungen für ihn treffen, um ihn zu schützen. Ich kümmere mich mit um meine erkrankte Mutter, und ja, ich gestehe ihr gewisse Entscheidungen nicht mehr zu, und ja, ich zwinge sie mitunter sanft zu Dingen, damit ihr nichts zustößt.
Das kann sein, dass sie auf dem Gehweg nicht an der Straßenseite geht, damit sie nicht ohne zu schauen auf die Straße rennt. Oder dass ich sie in der Stadt nicht alleine lasse, weil ich sie sonst nicht wiederfinde. Dann muss sie manchmal mit mir an Orte, zu denen sie gerade nicht gehen möchte.
Nachts verriegele ich auch die Haustür auf eine einigermaßen ausgeklügelte Art und Weise, die sie nicht durchschaut. Damit sperre ich sie aus deiner Sicht vermutlich gegen ihren Willen ein, aber was ist die Alternative? Dass sie nachts bei Minusgraden im Nachthemd nicht mehr nach Hause kommt?

Du darfst dich nicht darauf verlassen, dass ein Patient dir das richtige Medikament gibt. Auch nicht darauf, dass alles stimmt, was er oder sie dir erzählt.

Mit dementen Menschen muss man behutsam umgehen, weil sie eben nicht mehr für sich selbst sorgen können. Je nachdem, wie weit die Krankheit fortgeschritten ist, kann das täuschen. Meine Mutter wirkt an guten Tagen auf Fremde, die nicht richtig zuhören, noch einigermaßen "gut beisammen", trotzdem ist sie auf dauerhafte Pflege angewiesen, und kann sich nicht mehr alleine um sich kümmern.

Und zu den Zehnägeln: Meine Mutter würde sich aus Eigentantrieb nicht mehr duschen. Wenn ich sie frage, hat sie es immer gerade schon gemacht. Das stimmt aber nur in ihrer Vorstellung von der Welt, der Wasserzähler sieht das anders.
In deiner Vorstellung von Selbstbestimmung sollte ich also nicht für Hygiene und den Wechsel der Kleidung sorgen. Für mich wäre das verantwortungslos. Diese Unterstützung braucht ein dementer Mensch einfach.

Ich hoffe, meine Mutter verzeiht mir, dass ich sie hier zur Untermalung als Beispiel genommen habe.
Du wirst, wenn du in der Altenpflege arbeiten möchtest, in der Hinsicht noch viel lernen müssen. Das meine ich nicht abfällig. Es ist toll, wenn sich Menschen für Pflegeberufe entscheiden. Aber es ist auch wichtig, die Bedürfnisse der Menschen, die man pflegt, verstehen zu lernen, auch wenn sie diese nicht verbalisieren, oder sogar das Gegenteil von dem sagen, was eigentlich richtig wäre.
Manati ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 05.01.2017, 23:30   #5
dear_ly
となりのトトロ, トトロ♫
 
Registriert seit: 10/2008
Ort: Bavaria/BaWü
Beiträge: 22.601
Mein Uropa war dement. Es kam schleichend.
Wir mussten ihm den Autoschlüssel wegnehmen, damit er nicht am Ende noch jemanden umnietet. Wir mussten ihm, als er noch daheim leben konnte, Teppiche aus dem Haus räumen aus Angst, dass er darüber fällt und sich was tut. Wir schoben es darauf, dass er eben im Alter "nicht mehr so gut sehen kann und nicht soo gut beisammen ist, aber sonst noch ganz fit wäre."
Irgendwann ist er morgens um 5 auf die Idee gekommen in vollgepinkelter Unterwäsche im Winter bei Minus 15 Grad draußen Schnee zu schippen. Er ist ausgerutscht, hat sich den Kopf angeschlagen und lag da ne Stunde, ehe mein Vater kam (zum Schneeschippen ,was er mehrfach angekündigt hatte) und ihn so fand.
Danach ist er in Demenzheim gekommen. Hätte man ihn nicht daran erinnert zu essen, er hätte vergessen.
Solche Leute sind zwar vom Alter her erwachsen, vom Kopf her aber ein Kind. Und um Kinder muss man sich nun mal kümmern. Sie sind nicht in der Lage gewisse Dinge eigenständig zu entscheiden. Und dann müssen das eben Menschen tun, die entsprechende Konsequenzen einschätzen können.
Was bringt das Recht auf Selbstbestimmung, wenn der Demenzkranke vor ein Auto rennt, weil er nicht checkt, dass die Ampel rot ist?

Demenzkranke, geistig Behinderte, kleine Kinder...sie alle können nun mal nicht wie ein gesunder, erwachsener Mensch mit einem gewissen Erfahrungshintergrund alle Situationen einschätzen.
Dem autistischen Sohn einer Freundin wird dauernd verboten auf seinem Nintendo zu spielen, obwohl er schon 25 ist. Weil er dann Nächtelang durchzocken würde, nichts essen würde und dauernd zusammenklappen würde.
Was hältst du für sinnvoller? Solchen Leuten das Recht auf Selbstbestimmung zu gewähren, etwas, mit dem sie ganz offensichtlich nicht umgehen können oder sie im Leben zu unterstützen, wo es nun ml nötig ist?
Magersüchtige werden ja auch im Notfall zwangsernährt, psychisch Gestörte kommen in geschlossene Abteilungen. Zu ihrem eigenen Schutz und zum Schutz anderer, unter Aufsicht. Manchmal muss das eben sein.

Geändert von dear_ly (05.01.2017 um 23:38 Uhr)
dear_ly ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 06.01.2017, 10:17   #6
Fischli >°}}}>><
süß-sauer mariniert
 
Registriert seit: 11/2012
Ort: Seeanemone
Beiträge: 4.222
Ich glaube die Krux ist, so viel Entscheidung zu lassen wie möglich aber so viel einzugreifen wie notwendig ist.

Meine Omi, sie starb 2014, erkrankte auch an Demenz. Erst glaubten die Ärzte es wäre Alzheimer aber sie irrten sich. Es find damit an, dass sie dauernd etwas gesucht hat. Es ging weiter, dass sie längst verstorbene Personen gesucht hat und maßlos entsetzt war, wenn sie erfuhr, dass diese Tot sind. Dann kam von ihr viel Ärger und Frustration. Ich hatte ja keine Ahnung, was meine Omi für Schimpfwörter kennt... und sie merkte irgendwie, dass etwas verkehrt war. Dass wir uns um sie kümmerten und sorgten und nicht mehr sie sich um uns. Das verwirrte sie und machte sie zornig. Also kam künftig eine Dame von einem gemeinnützigen Verein um sie zu unterstützen. Das hat eine ganze Weile gut funktioniert, mit ihr ging das problemlos was mit uns nicht ging. Wenn sie Verstorbene suchte erklärten wir ihr, dass die gerade nicht hier seien um sie nicht jedesmal damit zu schocken, dass diese Menschen tot waren. Mit dieser Ausflucht konnte sie am Besten und beruhigte sich wieder. Ja, es fühlte sich lange falsch an, aber es war auch nicht ganz gelogen, immerhin waren diese Personen ja wirklich nicht hier. Und es erschien besser zu sein ihr nicht jedesmal die Wahrheit aufzudrücken womit es ihr schlimm schlecht ging wenn sie 3 Stunden später wieder alles vergessen hatte und wieder suchte. Ich fand es grausam, sie jedes Mal neu trauern zu lassen.

Nun, aber dann wurde ihre Krankheit mit der Zeit gefährlich für sie. Und uns. Sie schaltete den Herd an, bis die Platte glühte. Und da sie das helle Glühen gestört hat legte sie eine Zeitung drüber. Zum Glück fing nichts Feuer und die Zeitung verkokelte lediglich. Dann verlegte sie dauernd ihre Herztabletten. Kratze sich die Arme wund weil sie glaubte, es würden Würmer unter ihrer Haut kriechen (falsche Medikation gegen Alzheimer, daran wurde offensichtlich, dass es Demenz ist und das Medikament wurde schnellstmöglich abgesetzt).
Nachdem das Medikament weg war ging es allerdings damit besser jedoch mit der Gedächtnisleistung steil bergab. Erst als sie dann in ein Heim kam beruhigte sie sich da sie meinte, sie wäre auf Kur und sich riesig über das schöne Zimmer freute. Sie wusste nicht mehr, wo sie zu hause war, wann sie zuletzt was gegessen hatte oder wer wir waren.

Im Heim haben sie sich gut gekümmert. Sie durfte wählen, was sie essen wollte, aber sie wurde sanft überredet, zu essen. Sie musste ihre Medikamente nehmen und durfte aber entscheiden, wer ihr diese gab. Sie durfte das Duschgel aussuchen aber es war ihr jemand beim Duschen behilflich.

Ich denke, es ist wichtig diesen Menschen mit Demenz mit Respekt zu begegnen und ihnen ihren Willen in den Dingen zu lassen wo es ihnen damit gut geht. Wo es gefährlich oder verwahrlosend wird sollte man sich kümmern. Körperpflege, regelmäßiges Essen und die passende medizinische Versorgung sind solche Punkte. Aber es wäre falsch einen Senior zum Basteln zu stecken wenn er lieber aus dem Fenster sehen möchte.
Pflegekräfte in Heimen leisten hier sehr wichtige und menschliche Arbeit. Ich bin ihnen sehr dankbar, dass sie sich so um meine Oma gekümmert haben damit sie sich wohl fühlen konnte. Wir kamen sie so oft wie möglich besuchen. Erzählten ihr 4 Mal dieselbe Geschichte wenn sie fragte und freuten uns, wenn sie sich freute. Blätterten durch ihre alten Fotoalben und ließen sie erzählen, auch wenn sie schon alles mischte. Umarmten und kuschelten sie wie früher als wir Kinder waren da sie dann lachte und strahlte. Erzählten ihr weiterhin alles mögliche auch wenn sie selbst nicht mehr redete sondern nurmehr lächelte.
Ich vermisse sie sehr.

Vielleicht hilft dir das weiter.
Fischli >°}}}>>< ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 22.01.2017, 13:05   #7
AlexBijou
Junior Member
 
Registriert seit: 01/2017
Ort: Wien
Beiträge: 19
Zitat:
Zitat von Fischli >°}}}>>< Beitrag anzeigen

Ich denke, es ist wichtig diesen Menschen mit Demenz mit Respekt zu begegnen und ihnen ihren Willen in den Dingen zu lassen wo es ihnen damit gut geht. Wo es gefährlich oder verwahrlosend wird sollte man sich kümmern. Körperpflege, regelmäßiges Essen und die passende medizinische Versorgung sind solche Punkte. Aber es wäre falsch einen Senior zum Basteln zu stecken wenn er lieber aus dem Fenster sehen möchte.
Pflegekräfte in Heimen leisten hier sehr wichtige und menschliche Arbeit.
Während meiner Ausbildung zur Ernährungstrainerin komme ich oft in die Gunst interessante Vorträge zu lauschen. Vor einigen Monaten war ich bei einem Vortrag zu Demenz und Alzheimer. Der Übergang von Demenz zu Alzheimer ist fließend und leider unheilbar.

Ich hab als junger Mensch auch gesehen, wie meine Oma, als mein Opa starb, geistig abbaute. Sie kam nach einem Hüfthalsbruch ins Krankenhaus und danach direkt ins Altenheim. Ich besuchte sie immer, wann ich konnte. Wenigstens einmal die Woche war ich bei ihr, bis ich nach Wien zog.

Diese wunderbare Frau, die vormals erstrahlte, liebevoll, humorvoll, herzlich und fürsorglich war, war nur noch ein Schatten ihrer selbst. Sie sagte immer, dass sie bald sterben würde. Wir haben alles getan, um ihren Lebenswillen zu erhalten, aber irgendwann hat sie aufgegeben.

Was Pflegekräfte, Ärzte und Therapeuten auf dem Gebiet leisten, erscheint mir oftmals übermenschlich.

Während meiner Recherchen zu meiner Diplomarbeit war ich einige Wochen im Altenheim in Wien und lernte dort sowohl die Pflegekräfte als auch die Bewohner/-innen kennen.

Egal, wie weit die Demenz fortgeschritten ist, mit viel Geduld, Zeit und Hingabe erkennt man ihr Wesen. Auch wenn sie alles Mögliche vergessen, sich permanent wiederholen, kann man das erkennen, was sie einst waren. Menschen, die eine interessante Lebensgeschichte haben. Und diese muss man respektieren und ihnen den Raum lassen, sie selbst zu sein.

Wer immer den Beruf (nicht Job) als Pflegekraft in dem Bereich wählt, leistet wunderbare Arbeit.
AlexBijou ist offline   Mit Zitat antworten
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