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Du befindest dich im Forum: Meine Gedichte. Schwinge die virtuelle Feder und lasse deiner Kreativität freien Lauf. Liebesgedichte oder solche mit einem Augenzwinkern finden hier ihren Platz. Voraussetzung ist Lesbarkeit und eine saubere Formatierung. Die Leser werden es zu schätzen wissen, wenn dein Text nicht im Blocksatz und mit vielen unnötigen Rechtschreibfehlern verfaßt wurde. Beachte bitte unbedingt das Urheberrecht Dritter!

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Alt 12.09.2010, 19:53   #1
Againstthegrain
abgemeldet
Der Hydrophob

Ich habe zwar kein Gedicht, aber eine Geschichte im Petto. Dafür gibt es leider keinen Bereich, deswegen versuche ich mein Glück hier. Bei bedarf kann der Thread gerne verschoben werden.

Kurz ein paar Worte zur Geschichte: Sie ist etwas größer angelegt, deswegen habe ich hier nur zwei kleinere Ausschnitte, die ich soweit fertig habe, da. Natürlich ist Kritik erwünscht, aber bitte nicht zu streng sein, es sind meine ersten Schreibversuche.

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Der Hydrophob
Kapitel I.
Der Monolith

Die Frage ist: Wer hat mich hier her gebracht? Nein, das stimmt nicht ganz. Es sind tausend kleine, unspektakulärere Fragen. Sie überschneiden sich und geben nur ein wässriges Muster ab. Die deprimierendste Antwort von allen. Es gibt keine Antwort, weil es nicht die eine Frage gibt. Es ist nicht schön, aber man kann es ästhetisieren. Ich werde versuchen, meine Pisse für dich in Wein zu verwandeln. Also, stellen wir uns die nicht existente Frage auf diese schöne Weise. Wer hat mich hier her gebracht?

Es ist keine spektakuläre Situation. All zu viel Kitsch habe ich im Moment leider nicht für dich. Explosionen, ja, vielleicht. Zumindest könnte ich eine Haarspraydose oder so etwas für dich anzünden. Wenn es dann unterhaltsamer für dich wäre. Mir geht es nur darum, dass du noch ein wenig bei mir bleibst. Vielleicht werde ich mich etwas verbiegen müssen. Damit ich ein paar kurze, laute, hysterische Lacher von dir bekomme. Lass und auf die Nachhaltigkeit scheißen. Hauptsache du bist jetzt bei mir. Bevor ich mich verbiege, und ich eine bunte, lustige, Comic-Figur für dich werde, erzähle ich dir ein paar Dinge über mich, die fast wahr sind. Versprochen.

Lass mich dafür ein wenig zurück gehen. Das war eine Zeit, in der ich mich fühlte, als würde ich schon ewig leben. Der Herbst begrüßte mich mit grauem Himmel und viel Regen, während die Tage trotz des immer näher anrückenden Winters immer länger schienen. Der Grund dafür war mein Studienabbruch. Offiziell folgte mein Abbruch wegen Schwierigkeiten in der Familie. Du würdest lachen, wenn du meine Familie kennen würdest. Perfekte Harmonie. Es wird dir nicht gefallen, aber ich wurde weder vergewaltigt noch geschlagen. Ich hoffe du brichst mir jetzt nicht als Zielgruppe für meine kleine Geschichte weg. Denn wenn ich dir das jetzt nicht erzähle, habe ich es bald wieder alles vergessen.

Es war ein genauso nichts sagender Tag wie jeder andere, als ich den holprigen Plan fasste, mich von meiner gemütlichen, aber langweiligen Existenz zu verabschieden. Auf zur Selbstbefreiung. Ich wusste, noch ist es stilvoll, wenn ich mich selbst umbringen würde. Keine einzige Falte zierte meine Haut. Es ist dramatisch, wenn ein junger Mensch von uns geht. Junge Menschen sind unsere Zukunft. Ich stellte mir vor, wie ich den ekelhaftesten Abschiedsbrief schreibe, und einfach jedem die Schuld gebe. Und die Leute würden sich die Schuld geben. Jeder. Die scheiß Professoren. Der Typ, der mir vor Jahren, als ich noch bei meinem Vater gelebt habe, kurz vor dem Urlaub das Autoradio gestohlen hat. Meine Familie. Der Busfahrer. Die Nachbarn. Die, die dachten, dass sie mich verstanden hätten.

Doch bevor ich diesen Triumphalen Abgang feiern konnte, musste ich mich noch ein letztes mal Aufraffen. Es mussten Vorbereitungen getroffen werden. Der angenehmste Teil war tatsächlich das Verfassen des Briefes. Trotz dem Wissen im Hinterkopf, dass meine wunderschöne Hasstirade zuerst einem desinteressierten Polizisten oder Hausmeister in die Hände fallen würde, war ich motiviert wie lange zuvor nicht mehr. Am Ende ging es kaum noch darum, klare Gedanken zu Papier zu bringen. Ich habe nur noch geschrieben, an den einfachsten Dingen vorbei.

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Soweit habe ich die Einführung. Weiter geht die Geschichte damit, dass der Hauptcharakter einen sehr zynischen Abschiedsbrief verfasst, in dem sein bisheriges Leben weiter beleuchtet wird, beispielsweise, dass seine Mutter jung gestorben ist, weil sie eine Krontaube war, die nicht älter als 20 werden. Das hat keinen rationalen Hintergrund, sondern eine Symbolik, die ich für den Charakter für passend halte. Solche surrealen Elemente kommen in dem Buch öfters zu tragen.

Nachdem der Abschiedsbrief abgefeiert worden ist, geht es weiter damit, dass er sich Tabletten einwirft. Ich bin mir noch unsicher, ob ich eine Sequenz einbauen soll, wie er sich diese Tabletten besorgt. Ich tendiere eher zu nein, weil dies die Geschichte nur streckt und zu wenig Fortschritt bringt.

Auf jeden Fall nimmt er dann eine Überdosis dieser Tabletten, und wird unter intensiven Schmerzen ohnmächtig. Danach setzt dieser Teil hier ein:

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Der Hydrophob
Kapitel II.
Das weiße Kabel

Ich hatte einen Traum über einen Traum von einem Clown, 26 Jahre alt, angezogen wie ein Beamter. Er rettete die Welt und sagte, das wäre kein großes Ding. Und dann bin ich im Krankenhaus aufgewacht.

Du denkst jetzt wahrscheinlich an die klassische Aufwach-Szene. In der sich auf einmal alles anders anfühlt. Geist, Körper und Seele haben eine Katharsis durchgemacht. Und der Protagonist findet jetzt einen neuen Lebenssinn. Wenn das Drehbuch schlecht ist, muss er nicht mal etwas aus dem ganzen Mist gelernt haben. Hauptsache, jetzt ist alles anders. Ganz ehrlich? In den ersten Sekunden kam ich nicht mal dazu Luft zu holen, geschweige denn dazu, mir meiner Situation bewusst zu werden.

Und du hast das Bild im Kopf, wie ich langsam in einem weißen Raum wach werde und meine Umgebung mustere, um jetzt jeden Pissfleck an der Wand ewig lang für dich zu beschreiben, weil die Bedeutung so riesig für mich ist. Oder um mich herum sind meine Bekannten, die ich nicht mal hatte. Oder wie wäre das - der Arzt stand neben mir, weil der auch sonst nichts zu tun hatte als darauf zu warten dass ich wach werden würde. Und mit seiner dunklen, vertrauenswürdigen Stimme sagte er „Es wird alles gut“.

Ersetze den Arzt durch eine Krankenschwester Ende dreißig. Nein, keine aus deinem Lieblingsporno. Definitiv nicht. Stell dir einfach die Mutter deines besten Kumpels vor. „Na, wie geht es und denn Heute Abend?“ quiekte sie mir mit einem so süffisanten Grinsen entgegen, dass es einfach nur falsch sein kann. Diese Frau strahlte Stress schon aus, wenn sie einen nur ansieht. Ich erhaschte noch einen Blick auf die Spritze die sie dabei hatte, bevor sie mich aus dem Bett warf.

Als ich mir dann endlich den Schlaf aus den Augen gewischt habe, hatte ich das erste mal Gelegenheit, mir das Zimmer wirklich anzusehen. Und was soll ich sagen. Ja, es war wirklich wie in den Filmen! Na Gut, wie soll ein Krankenhaus-Zimmer auch sonst aussehen. Eben steril, weiß, neutral. Zwei Betten im Zimmer, das neben meinem war leer, und es sah nicht so aus, als würde da zur Zeit jemand liegen.

Stinki – dieser Spitzname stand für die nette Krankenschwester von Anfang an für mich fest – sagte, ich solle mich wieder auf mein Bett setzen, damit sie mir Blut abnehmen kann. Ich ließ mich also wieder auf das Bett plumpsen, und die Spritze, die mich schon angrinste, seit dem ich sie das erste mal aus dem Augenwinkel erblickt hatte, kam endlich zum Einsatz. „Aaaaautsch“. „Danke, das wars. Der Arzt wird in ein paar Stunden nochmal nach ihnen sehen“. Und schon verschwand sie wieder, nicht grade wie ein tanzender Engel, aber dafür mit einem debilen Charme, der sich wohl am ehesten mit einem betrunken Hund vergleichen lässt. Weißt du, wie ein betrunkener Hund läuft? Oder tanzt? Ich auch nicht.

Du wunderst dich jetzt sicher, warum ich mich gar nicht darüber beschwert habe, dass ich nicht tot war. Nun, mir war es sogar ganz recht, denn ich wollte nicht sterben, und ich habe auch nie daran geglaubt, dass es passieren würde. Auch wenn es echte Tabletten waren, wenn man ignorant genug ist, kann man auch daraus irgendwie Placebos machen – zumindest im Kopf. Ich wollte nur weg – aber nicht räumlich und auch nicht mental. Ich wusste damals nicht, wie oder wovon ich überhaupt weg wollte, aber ich war weg. Vorläufig. Daran, dass mich irgendjemand in meiner Wohnung hätte finden müssen, habe ich nicht mal gedacht. Stattdessen ging ich mir erst mal die Beine im Krankenhaus vertreten.

Ich verbrachte fast den gesamten Oktober im Krankenhaus. Es wurde sich ausgezeichnet um mich gekümmert. Wenn ich besonders wütend war, wurde jemand für mich hingerichtet. Die Qualität lies ein wenig nach mit der Zeit. Am Ende waren es nur noch Menschen, die sowieso krank und teilweise sterbenskrank waren, die für mich getötet wurden. Aber das Personal hat sich wirklich Mühe gegeben. Täglich bekam ich tote Ratten, Versicherungsverträge und an Samtagen sogar oft vergoldete Haare von Mittelschichtlern in Indien zu essen. Mein behandelnder Arzt und viele der Krankenschwestern haben alles Positive, was sie sahen gezählt. Um die Liste bedürftigen zu schenken. Gute Menschen sind das. Oder sie wollten sich die Liste auf die Leber tätowieren lassen.

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So, das wars fürs erste. Ich merke, dass ich einige Probleme habe, das richtige Tempo in der Schreibe zu finden. Ich habe das Gefühl, alles zu schnell durch zu nehmen, aber ich will die Leute auch nicht mit ewig langen Beschreibungen der Umgebung langweiligen. Auch sonst stört mich irgendetwas an dem Text, aber ich kann nicht genau sagen was. Vielleicht kann man mir ja hier weiterhelfen.
Againstthegrain ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 12.09.2010, 19:53 #00
Verbraucherinformant

Registriert seit: 21.08.2005
Ort: Litfaß
Beiträge: 4692

Hallo Againstthegrain, ich kann mir vorstellen dass es dir heute nicht so gut geht. Was da hilft ist Schokolade. Schokolade hilft immer und es geht einem damit sicher nicht besser, aber für einen kurzen Moment kann man alle Sorgen vergessen. Ich habe heute beim Milka Schokoladenpaket Gewinnspiel mit gemacht. Vielleicht ist das auch was für dich?
Alt 12.09.2010, 20:06   #2
Catriona
Golden Member
 
Registriert seit: 08/2010
Beiträge: 1.265
Zitat:
Ich hatte einen Traum über einen Traum von einem Clown
Ein Traum über einen Traum?

Zitat:
Täglich bekam ich tote Ratten, Versicherungsverträge und an Samtagen sogar oft vergoldete Haare von Mittelschichtlern in Indien zu essen.
Das hat mich ein bisschen gestört.
Es passt schon zu deinem zynischen "Helden", aber ich fands bisschen krass.
Ich schätze mal, andere sehen das lockerer.

Ansonsten finde ich die Geschichte sehr gut geschrieben!
Es liest sich sehr flüssig und der Hauptcharakter ist mit seiner zynischen Art auf irgendeine seltsame Art symphatisch.
Es gefällt.
Ich würde das Buch warscheinlich kaufen.
Catriona ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 14.09.2010, 20:16   #3
Againstthegrain
abgemeldet
Themenstarter
Danke für die Kritik!

Zitat:
Zitat von Catriona Beitrag anzeigen
Ein Traum über einen Traum?
Ja, ich hab mal geträumt, dass ich den Traum eines anderen sehe. Das war ziemlicher Esoterik-Bullshit ^^ Aber mir gefiel die Idee auf dem Papier.

Zitat:
Zitat von Catriona Beitrag anzeigen
Es passt schon zu deinem zynischen "Helden", aber ich fands bisschen krass.
Das kann sein. Aber wie sagte John Doe in Sieben so schön: "Wenn du die Leute treffen willst, darfst du ihnen nicht auf die Schulter tippen. Du musst sie mit einem Schlaghammer treffen", hehe.


Zitat:
Zitat von Catriona Beitrag anzeigen
Ansonsten finde ich die Geschichte sehr gut geschrieben!
Es liest sich sehr flüssig und der Hauptcharakter ist mit seiner zynischen Art auf irgendeine seltsame Art symphatisch.
Es gefällt.
Ich würde das Buch warscheinlich kaufen.
Freut mich zu hören. Demnächst poste ich den nächsten Teil der Geschichte.
Againstthegrain ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 14.09.2010, 22:46   #4
Catriona
Golden Member
 
Registriert seit: 08/2010
Beiträge: 1.265
Zitat:
Zitat von Againstthegrain Beitrag anzeigen
Ja, ich hab mal geträumt, dass ich den Traum eines anderen sehe. Das war ziemlicher Esoterik-Bullshit ^^ Aber mir gefiel die Idee auf dem Papier.
Darauf wäre ich jetzt nicht gekommen.
Vielleicht sind andere Leute genauso doof wie ich und verstehen das nicht.
Das sollte man irgendwie erklären ... oder andere Kritiker abwarten,
die das vielleicht auf anhieb verstanden haben.
Zitat:
Das kann sein. Aber wie sagte John Doe in Sieben so schön: "Wenn du die Leute treffen willst, darfst du ihnen nicht auf die Schulter tippen. Du musst sie mit einem Schlaghammer treffen", hehe.
In Ordnung.
Zitat:
Freut mich zu hören. Demnächst poste ich den nächsten Teil der Geschichte.
Ich freu mich drauf.
Catriona ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 17.10.2010, 21:17   #5
Againstthegrain
abgemeldet
Themenstarter
Hi, ich bin nach wie vor am schreiben. Und ganz ehrlich, dass was ich im Moment fabriziere, ist gelinde gesagt ein riesen Haufen Scheiße. Ich bin absolut unzufrieden, kann mir aber auch nicht erklären, was an dem Text so beschissen ist. Vielleicht ist er von Grund auf schlecht, vielleicht sind es viele kleine Sachen, keine Ahnung.

Evtl. kann mir jemand weiterhelfen. Der Text schließt übrigens genau an den letzten an.

Ich überlege im Moment, die Geschichte nochmal von neu zu schreiben, dieses mal aber mit Erzähler und sehr viel nüchterner. Ich habe zuletzt Kafkas Die Verwandlung gelesen, und dieser sachliche Schreibstil gefiel mir sehr gut.

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Wenn ich eines gut kann, ist das, in jeder Situation eine angemessene Routine finden. Nach wenigen Tagen im Krankenhaus fühlte ich mich wie zuhause. Das einzige Ereignis, das mich aus Ruhe bringen sollte, war die Botschaft, die Stinki mir überbrachte, als sie auf ihre unvergleichliche Art hereinschlürfte um mir erneut eine Spritze zu verabreichen.
„Sie haben sich doch sicher schon gefragt, wann sie denn endlich mit unserem Psychologen sprechen können, oder nicht?“
„Nein.“
„Ja, genau, wir haben einen Termin in 20 Minuten für Sie reserviert. So oft wie sie hier umher laufen, wissen sie sicher...“
„AUTSCH.“
„...wissen sie sicher, wo sie lang müssen?“
„Ja, ich komme allein klar.“
„Wenn Sie doch Hilfe brauchen, rufen Sie nur!“
„Ich denke, ich finde den Weg. Aber danke.“
„Sie wissen, wo sie mich finden?“
„Ja.“
„Gut, ansonsten schreibe ich es ihnen nochmal auf!“
„Nein, schon gut, danke.“

Peinlich genaue 20 Minuten später saß ich dann in einem komplett in horizontgrau gehaltenem Büro.

Erste Sitzung

Der alte Sack vor mir saß hinter seinem Schreibtisch, und machte den Eindruck, als könnte er seinen schrumpeligen von Leberflecken übersäten Kopf nur noch mit Mühe aus dem Berg von Papier herausstrecken. Der Schreibtisch hatte eine auffällige Größe. Ich saß mindestens einen Meter weg von meinem Gegenüber – wohl um den Patienten auch buchstäblich auf Distanz zu halten. Wäre eigentlich gar nicht nötig, wir konnten uns sowieso kaum ansehen.

Auf dem Schreibtisch stapelten sich die Notizen über diverse Patienten - die Psyche bei jedem einzelnen sauber seziert. Keiner von ihnen möchte es hören, aber sie haben alle die selben Probleme. Doch sie bauen sich aus diesen einfachen Gefühlen, die im Grunde nur in uns sind, damit wir Tiere töten und miteinander schlafen, zu gigantischen Luftschlössern von brachialer Schönheit, die keiner sehen kann. Das Innerste dieser Menschen ist auf den ersten Blick geschmackvolles Foyer, ausgelegt mit einem blutroten Teppich, wird bei genauerem Hinsehen jedoch zu einer Kloake.

Selbstmitleid ist eine Mode geworden. Heute ist kein Staubkorn in der Poesie der Traurigkeit eines Menschen zu finden. Wenn du keine tiefschürfenden Probleme hast, bist du nicht Interessant genug, damit Leute deine Homepage besuchen. Du wurdest nie vergewaltigt? Dann hör auf uns auf den Senkel zu gehen. Ich sehe die Menschen an und ich sehe vergoldetes Plastik, der den Weg das Luftschloss versperrt. Niemand kann hinein - wenn die Bezahlung nicht stimmt. Bei dem alten Sack vor mir handelte es sich wohl um jemanden, bei dem die Bezahlung stimmt.

Erst, als er sich erhob, um mir seine knochige Hand entgegenzustrecken, erkannte ich, dass er keine Augen mehr hatte. Immerhin hatte er einen festeren Händedruck, als sein äußeres erwarten ließ. Er stellte sich mir als Dr. Erling Memser vor. Direkt nachdem ich auf dem äußerst unbequemen Windsor-Stuhl platz genommen hatte, kam er ohne weitere Umschweife zum Thema. Obwohl mir immer schon als Kind regelmäßig ein gehöriger Dachschaden attestiert wurde, war dies meine Premiere beim Seelenklempner. Ursprünglich war mein Vorhaben, ihn von meiner schnellen Katharsis zu überzeugen, um keine in keine Gefahrensituation zu kommen. Ursprünglich.

Er stellte die erste Frage, als würden wir beide uns in einem Bewerbungsgespräch befinden: „Wieso hatten sie sich ausgerechnet für den Suizid entschieden? Was bereitete ihnen besondere Freude an der Position des Selbstmörders?“
Selbstbewusst beugte ich mich nach vorne – und doch wippte ich nervös mit meinem rechen Fuß. Und ich sagte nichts. Der Typ sah mich mit seinem uralten Gesicht an, als würde ich grade versuchen, ihm an seiner Haustür überteuerte Staubsauger zu verkaufen. Der kurze Moment der Stille, in der ich seine Mimik musterte, reichten um aus mir ein verunsichertes Kind zu machen. Der Alte musste beruhigt und überzeugt werden. Doch ich sagte wieder nichts.

Nachdem ich ihm noch einige Sekunden – die mir, nun, ehrlich gesagt auch wie ein paar Sekunden vorkamen, in die leeren Augenhöhlen sah, bat er mich, meinen Nachnamen zu buchstabieren.
„Edeweiß.“
„Mit ß?“
„Genau.“
„Adam Edeweiß...“
Er hob seinen kleinen Koffer, der teurer aussah, als die gesamte Einrichtung meiner Wohnung, auf seinen Schoß und entnahm eine Akte. Immer wieder leckte er seinen Zeigefinger, um blättern zu können.
„E, E, E...“

Dr. Memser zog ein Blatt aus dem Ordner, strich ein paar Stellen durch und übergab es mir.

„Ich gebe ihnen diesen Zettel mit. Bitte füllen Sie ihn bis zu unserer nächsten Sitzung aus. Sie sind entlassen“.

Dann war es überstanden, und ich sollte Dr. Memser für die nächste Zeit nicht mehr zu Gesicht bekommen. Rasch gab ich ihn nochmal die Hand und machte mich auf den Weg zurück in mein Zimmer. Als ich die Tür aufmachte, sah ich, dass das Bett neben meinem zum ersten mal seit meiner Ankunft belegt war. Eine junge Frau war grade dabei, mit dem Rücken zu mir gedreht, ein Betttuch über ihre Matratze zu spannen. Nachdem ich die Tür geschlossen hatte, schreckte sie auf und drehte sich zu mir.

Ein Hallo später hatte ich das Gefühl, sie in und auswendig zu kennen. Ihr selbstgerechter Blick, ihr grelles gelbes T-Shirt mit stylischen Homage-an-die-70er-Aufdruck aller übelster Sorte, ihre extravaganten hellbraunen Locken, die sie aussehen ließ wie ein Pudel, die Chucks, die sie anhatte, alle schrie einen an, bevor sie einen Satz gesprochen hatte. Die Zeichnung von ihr in meinem Kopf war bereits fertig gestellt. Lebensziel - Wichsvorlage für einen generisches männliches A.rsch.loch werden. Oder Tierarzthelferin. Sie grinste mich an, wendete sich wieder ihrem Bett zu und begann ungefragt zu erzählen, warum sie hier war.

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PS: Dass es den Protagonisten nicht juckt, dass der Psychologe keine Augen hat und es auch keine Auswirkungen hat, ist beabsichtigt.

Geändert von Againstthegrain (17.10.2010 um 21:33 Uhr)
Againstthegrain ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 18.10.2010, 19:27   #6
Catriona
Golden Member
 
Registriert seit: 08/2010
Beiträge: 1.265
Hallo!

Zitat:
Das Innerste dieser Menschen ist auf den ersten Blick ein geschmackvolles Foyer, ausgelegt mit einem blutroten Teppich, wird bei genauerem Hinsehen jedoch zu einer Kloake.
Ich finde ohne das "ein" klingt es etwas seltsam, mit aber auch. Weiß nicht, was du besser findest.
Zitat:
um keine in keine Gefahrensituation


Ich fand die Stellen, wo du die Psyche anderer Menschen beschrieben hast, sehr schön.
Fast schon poetisch, das hat mir gut gefallen.
Ich muss aber zugeben, das ich manchmal den Satz zweimal lesen musste,
weil einige Sätze ziemlich lang und verschachtelt sind.
Ich finde es geht noch, aber pass auf, dass es nicht noch mehr oder noch längere Sätze werden.

Aber mir gefällt es immer noch sehr gut!
Catriona ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 20.01.2011, 21:57   #7
Againstthegrain
abgemeldet
Themenstarter

Geändert von Againstthegrain (20.01.2011 um 23:10 Uhr)
Againstthegrain ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 25.01.2011, 22:16   #8
Catriona
Golden Member
 
Registriert seit: 08/2010
Beiträge: 1.265
Ich bin verwirrt.
Schreibst du deine Geschichte nicht mehr weiter?
Catriona ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 30.01.2011, 18:49   #9
Againstthegrain
abgemeldet
Themenstarter
Ich hatte hier etwas neues reingepostet, habs aber wieder rausgenommen, und da man Beiträge hier nicht löschen kann, habe ich einfach diesen süßen Winke-Smile reingesetzt Ich schreibe aber schon noch weiter.
Againstthegrain ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 01.02.2011, 20:47   #10
Catriona
Golden Member
 
Registriert seit: 08/2010
Beiträge: 1.265
Warum hast du es rausgenommen?
Ich freu mich auf die Fortsetzung.
Catriona ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 01.02.2011, 20:47 #00
Verbraucherinformant

Registriert seit: 21.08.2005
Ort: Litfaß
Beiträge: 4692

Hey Catriona, egal wie gross deine Sorgen auch sein mögen, mir hilft es immer nach draußen zu gehen und den Grill anzuwerfen. Grillen ist Entspannung pur. Ob nun ein deftiges BBQ oder ein einfach mariniertes Schweinesteak. Am Grill kann ich alle Probleme vergessen. Du hast noch keinen Grill? Bei der Telekom kannst du aktuell am Angrillen 2019 Gewinnspiel mitmachen und entweder einen Beefer oder ein Keramik Ei gewinnen. Wer von uns gewinnt lädt den anderen ein ;-)
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